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Der Neckarsteig von Mosbach bis Neunkirchen

Vorigen Freitag führte ich mein Projekt "Ich wandere den gesamten Neckar entlang" weiter. Da es mit geringer Priorität nebenher läuft, zieht sich die Projektdauer etwas in die Länge. Um dem Ende in Mannheim schnell näher zu kommen, hatte ich mir für Freitag zwei der offiziellen Tagesetappen vorgenommen, also 31 km. Ich hab's auch geschafft! Allerdings war das mal wieder eine Grenzerfahrung. Gefreut hat mich meine gute Kondition, die ja in meinem Alter nicht selbstverständlich ist. Regelmäßiger, selbst leichter Sport, tut eben seine Wirkung! (Ich unterbreche mein Loblied der Disziplin an dieser Stelle.)

Auf so einer Wanderung geht es ja zu wie im echten Leben. So dauern die guten Phasen gerade mal so lange wie man braucht, um sich zu entspannen und zu denken: "So könnte es für den Rest des Tages (Lebens) weitergehen." Kaum hat man den Gedanken zu Ende gebracht, folgt eine brutale Steigung, ein schwindelerregender Abstieg, eine glitschige Matschstrecke oder man hat sich verlaufen und muss wieder zurück. Man macht viele Extrakilometer und kann sich dann entweder über sich selbst ärgern, über diejenigen, die die Strecke so halbgut markiert haben, oder man sagt: "Ein bisschen Schwund gibt's immer."

Zwischendurch hatte ich eine Strecke, auf der ich vor allem an alles mit A dachte: Apfelschorle, Abkürzungen, ... Weiter kam ich gedanklich nicht, wegen hochgradigem Durst. Ich musste bei meinen beiden letzten Wanderungen feststellen, dass es auf dem Land eher schwierig ist, an Essen und Trinken zu kommen, außer an das üppig strömende Wasser im Dorfbrunnen der Marke "Kein Trinkwasser". Die Restaurants öffneten unter der Woche erst ab 17 Uhr. Normalerweise kann man wenigstens in einem Supermarkt noch Getränke kaufen, aber dergleichen fand ich erst in Neunkirchen. Dafür gestern in Hessigheim einen Tante-Emma-Laden, der am Samstagmorgen von 8 bis 10 Uhr bedient. Oder in Neckarkatzenbach ein Restaurant, das nur für Gruppen ab 10 Personen öffnet.

Je stärker der Durst, umso mehr wandten sich die Fragen dem W-Bereich zu: Wozu tue ich mir das an? Will ich das wirklich? Warum folge ich den fraktal verschlungenen Windungen des Neckarsteigs, der mich an jede noch so einsame Infotafel und zu jedem Aussichtspunkt ganz oben führt, statt einfach dem Radweg am Flussufer zu folgen? Wo und wann fährt wohl ein Bus? (Montag bis Freitag jeweils um 16 Uhr der letzte Linienbus, ab 22 Uhr wieder Ruftaxi. So einen Busfahrplan habe ich auch noch nie gesehen!)

Bisher fand ich den Neckarsteig prima. Er führt durch die schönsten Städte von Baden-Württemberg, Deutschland bzw. eigentlich der ganzen Welt. Aber dieser Abschnitt verbannte mich eher ins Nirgendwo.

Über die Ähnlichkeit von Wanderungen und Projekten habe ich mich ja bereits in meinem Lehrbuch "Projektmanagement beim Wandern" ausführlich ausgelassen. Auch bei diesem Projekt dauerte einiges länger als gedacht, der Zeitplan konnte nicht eingehalten werden, aber immerhin war ich früh genug fertig, damit ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause und in den Sonnenuntergang reisen konnte. Woran lag's? Als erfahrener Wanderer kennt man doch seinen Stundenschnitt. Allerdings wurde dieser auf verschiedenen Teilstrecken nicht erreicht, da der Weg überdurchschnittlich schwierig war (auf der Karte sind Steigungen nicht eingezeichnet!) oder ich durch Irrwege Zeit verlor (schlechte Spezifikation in der Wegbeschreibung).

Besonders grenzwertig war die Margarethenschlucht. Nur 600 m lang ist der Klettersteig und mit festen Halteseilen gesichert. Trotzdem braucht man sich wohl nicht sehr anzustrengen, um dort abzustürzen. Ein schmaler, steiler Pfad führt immer hart an der Kante an einem nicht enden wollenden Wasserfall entlang, über krümelnden roten Sandstein, der sich bei Regen vermutlich in eine Rutschbahn verwandelt. Teilweise robbte ich auf dem Hosenboden hinunter, und an mehreren Stellen setzte eine Minipanik ein. Dank hoher Konzentration und Selbstüberwindung schaffte ich den Weg, war aber froh, wieder Tageslicht und breite Wege zu erblicken. Hurra, ich lebe noch!

Nur ein kurzer Hinweis darauf, dass ich den Kurs "Projektmanagement beim Wandern" weiterhin anbiete. Dann aber nur auf Wegen, die ich vorher schon ausprobiert habe.  Dieser ganztägige Kurs besteht aus einer Wanderung mit regelmäßigen Lernpausen, in denen wir alle Themen des Projektmanagements besprechen.

Andrea Herrmann

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