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Luisa: Ich bin keine Studentin

Christine bekam kaum noch Luft vor Lachen. Beinahe hätte sie sich ihren Teller in den Schoß gekippt, so sehr verlor sie die Kontrolle über ihre Körperhaltung „Sei doch froh! Da interessiert sich endlich mal ein Mann für dich, und dann ist es auch nicht recht!“
„Aber er interessiert sich doch nicht für mich. Wenn er wüsste, wer ich bin, würde er schreiend davonlaufen!“
„Er meint sehr wohl dein hübsches Gesicht und deine gute Figur. Also, ich finde, es ist ein Kompliment, dass er dich für eine Studentin hält. Ich wäre glücklich, wenn ein Mann mich für über zehn Jahre jünger halten würde als ich bin. Genau dafür benutzen wir Frauen doch diese Cremes und so.“
„Ich nicht. Ich lege keinen Wert darauf, für eine Studentin und somit für dümmer gehalten zu werden als ich bin. Früher oder später wird er doch dahinter kommen, dass er sich getäuscht hat. Ich muss das Missverständnis bald aufklären, nur war hier in der Kantine keine gute Gelegenheit, vor all den Leuten.“
„Ach, genieße es einfach, so lange es geht.“
„Nein, das werde ich nicht tun. Ich kläre ihn auf, sobald ich ihn das nächste Mal sehe.“ Damit stand Luisa vom Tisch auf und ging in ihre Kabine zurück. Warum verstand Christine ihr Problem nicht? Wie stellte sie sich das vor? Ich gebe mich als Studentin aus, nur damit so ein
junger Bursche mich süß findet und dann was? One Night Stand und Peinlichkeiten hinterher?

Der Junge sah ja ganz gut aus, aber Luisa hatte kein Interesse an unverbindlichem Sex oder irgendwelchen Flirtspielchen. Außerdem wollte sie sich nicht ausmalen, was passierte, wenn er sie nochmal in der Öffentlichkeit so behandelte. Wer würde sie dann noch ernst nehmen?


Zum ersten Mal waren sie einander gestern begegnet, als Luisa von der Theaterprobe zurückkehrte, noch im Kostüm. Für dieses historische Stück trug sie ein eng tailliertes, geblümtes Sommerkleidchen mit zierlichen Sandalen aus dem Fundus, ihre Haare waren als Zopf rund um den Kopf gewunden. Und geschminkt war sie mit allem: dicke Creme, falsche Wimpern, buntschillerndee Augenlider, roter Lippenstift und jede Menge Baumelschmuck. Es war die Generalprobe gewesen, da musste alles stimmen. Jetzt war sie dringend darauf erpicht, die Verkleidung los zu werden und eilte den Gang entlang. In Gedanken noch bei ihrem
Text, bog sie etwas zu flott um die Kurve und stieß mit dem Jungen zusammen, vielleicht Mitte oder Ende zwanzig. Ein Wachsoldat in Uniform.
„Oh, Entschuldigung“, sagte sie und wollte sich aus seinen Armen befreien. Sie hatte ein wenig das Gleichgewicht verloren und er die Gelegenheit genutzt, um sie „aufzufangen“ und an seine Brust zu drücken.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er und machte keine Anstalten, sie aus seiner Umklammerung zu entlassen. Instinktiv wollte sie ihm zwischen die Beine treten und ihm gleichzeitig den Ellenbogen ins Gesicht rammen, hob sich das aber für später auf.
„Würden Sie mich bitte loslassen?“, fragte sie mit unterdrückter Wut in der Stimme, die er nicht wahrzunehmen schien.
„Ungern“, flirtete er, ließ sie aber los und sie wich einen Schritt zurück.
Anerkennend betrachtete er Luisa von unten nach oben und stieß einen Pfiff aus.
Wieder bekam sie Lust, ihm eine zu schmieren. Was fiel dem ein?
„Passagierin?“, fragte er.
„Nein, ich...“
„Dachte ich mir. Und das Klemmbrett? Sie sind Studentin, richtig? Sehen ja auch so klug aus.“
„Nein, ich bin...“
„Kein Problem, ich mag kluge Frauen. Wollen Sie nicht mit mir etwas trinken gehen...?“
„Nein, ich will nach Hause.“
„Ich begleite Sie.“
„Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleit nach Hause gehn“, zitierte ich. Offensichtlich erkannte er den Satz aus dem Goetheschen Faust nicht.
„Dichterin? Du studierst also Literatur? Vielleicht kann ich dir ein paar Tipps geben, ich habe früher gerne gelesen.“
Ja, aber nicht den Faust. „Auf dem Klemmbrett klemmt meine Rolle in einem Theaterstück namens ‚Verzauberter April‘“, erklärte sie.
„Schauspielerin!“, rief er entzückt.

Nur in der Freizeit.“
„Verstehe. Und du studierst Drehbuchschreiben?“
„Ich bin keine Studentin, sondern...“
„Naja, egal, wohin darf ich dich denn bringen? Und vielleicht lädst du mich noch auf einen Tee in deine Stube ein?“ Damit nahm er ihren Arm, um sie zu führen.
Sie schüttelte ihn unwirsch ab und war nun entschlossen, den aufdringlichen Kerl kampfunfähig zu machen. Er wurde aber durch eine Durchsage gerettet, die Roger an seinen Platz beorderte. „Das ist mein
Name“, erklärte er grinsend. „Aber für ein schönes Mädchen riskiere ich gerne eine Rüge.“
„Ich schulde Ihnen nichts. Ich habe nicht um dieses Gespräch gebeten.“
Er lachte schallend. „Ich mag deinen Humor. Kann dich aber leider nicht begleiten, sondern muss auf meinen Posten.“
„Sehr gut, ich wollte sowieso alleine gehen.“
„Sag mir trotzdem deine Kabinennummer.“
Sie nannte ihm die eines Kollegen, der doppelt so viel Kampfgewicht hatte wie dieser schlacksige Hänfling und machte sich aus dem Staub.


Wie der blöde Zufall es wollte, traf sie ihren Verehrer Roger tags darauf in der Kantine. Dieses Mal trug sie ihren üblichen Overall.
„Ah, neue Rolle?“, fragte er und beugte sich so plötzlich über ihren Tisch, dass sie zusammen schrak und die Gabel fallen ließ.
Er lachte sadistisch darüber. „Freut mich auch, dich zu sehen. Du hast dich übrigens geirrt mit der Kabinennummer. Das war doch eine Nummer im Mannschaftstrakt.“
„Sie denken doch nicht, dass ich Ihnen sage, wo ich wohne?“
„Wenn du täglich frische Blumen willst, solltest du das aber tun.“
„Stecken Sie sich ihre Blumen sonst wo hin...“ Seine zwei Freunde, die rechts und links neben ihm standen, lachten.
Da fragte er ungerührt: „Willst du mich nicht deiner Freundin vorstellen?“
„Christine, das ist Roger.“
„Ich habe sie gestern gerettet, als sie zu stürzen drohte.“
„Falsch, er hat mich fast zu Fall gebracht und dann unangemessen lange festgehalten.“ Seine Freunde grölten fröhlich.
Glücklicherweise war an ihrem Tisch kein Platz mehr frei. Aber er fragte: „Möchten die beiden Hübschen nicht zu uns sitzen?“
„Nö, wir sind fast fertig“, erklärte Luisa.

„Prima, dann kommt doch auf einen Nachtisch rüber. Wir sitzen meistens dort hinten.“ Er deutete auf den Bereich, wo sich üblicherweise die Soldaten sammelten.
„Sag mal“, fiel ihm dann auf, „warum bist du eigentlich nicht im Speisesaal für die Passagiere?“
„Weil ich kein Passagier bin.“
„Passagierin“, verbesserte er sie. „Du flirtest wohl gerne mit dem Personal?“
Er zwinkerte Christine an, die die Uniform der Zimmermädchen trug. „Oder ist sie auch eine Schauspielerin und trägt Kostüm?“
„Aber sicher doch“, sagte Christine. „Seh ich so aus als würde ich Toiletten schrubben?“
„Natürlich nicht. Und nun macht ihr beiden Hübschen hier Sozialstudien für eure Rolle? Kommt doch mal zu mir, wenn ich Freischicht habe. Ich kann euch einiges über das gemeine Volk erzählen. Mit Zimmermädchen kenn ich mich aus, falls ihr versteht, was ich meine?“
„Das ist unbedingt eine Empfehlung“, erwiderte Christiane in gespielt snobistischem Ton.
„Na, also dann!“ Er klopfte zwei Mal mit den Knöcheln auf unseren Tisch. „Die Natur ruft, der Magen knurrt. Wir sehen uns! So groß ist das Raumschiff ja auch wieder nicht.“
Er war noch in Hörweite, als luisa zu Christine sagte: „Leider nicht.“
Da lachte sie schallend und verstand gar nicht, worin Luisas Problem lag. Über die Schwierigkeiten der anderen ist immer gut lachen.


Als Luisa dem jungen Mann das nächste Mal begegnete, hatte er wohl gerade frei und saß in blauen Jeans und weißem T-Shirt in der Kantine und aß zu Abend. Alleine dieses Mal. Sie setzte sich ihm gegenüber.
„Oh“, sagte er erfreut. „Heute nicht so unnahbar? Genug vom Rumzicken? Wir sind jetzt alte Bekannte, nicht wahr?“
„Ich muss da was aufklären.“
„Ich bin schon aufgeklärt. Das haben die Zimmermädchen gemacht, haha“, witzelte er.
„Können Sie auch mal einen Moment lang ernst sein?“
„Wozu?“
Ich seufzte. „Weil das wirklich anstrengend ist, dieses Herumalbern, während ich versuche, wichtige Informationen zu übermitteln und aus allem, was ich sage, ein Witz wird.“
„OK?“, machte er. „Du stehst also auf seriöse Typen?“
„Darum geht es doch gar nicht. Ich muss Ihnen nur sagen...“
„Schwanger bist du aber noch nicht von mir, haha.“
„Lass mich endlich ausreden, verdammt!“, knurrte sie wütend.
Das wirkte. Er hielt die Klappe.

Sie erklärte ihm: „Ihnen ist nicht so ganz klar, mit wem Sie reden. Ich bin Luisa de Fuentes und bin hier an Bord die Sicherheitsingenieurin.“
„Tse“, lachte er kurz auf. „Das ist ein Scherz, oder? Du studierst doch Theater, hast du gesagt.“
„Von Studium habe ich nicht gesagt. Ich spiele hier in der Laiengruppe der Mannschaft. Wir bereiten eine Aufführung fürs Bordfest vor: ‚Verzauberter April‘. Steht so im Programm. Dort finden Sie auch meinen Namen.“
„Ach.“ Prima, er war sprachlos.
„Alles klar?“, fragte sie. „Ich bin 35 und habe den Rang eines Offiziers hier an Bord.“
„Scheiße.“ Ganz leise murmelte er: „Arrogante Kuh!“
Sie fragte lieber nicht nach, was er schlimmer fand – dass er eine alte Frau angebaggert hatte oder dass sie als Offizier über ihm stand. Oder einfach nur, dass sie das so brutal sagte.
„Scheiße“, wiederholte er. OK, er hatte die Information tatsächlich verstanden.
„Nichts für ungut“, sagte sie. „Vergessen wir einfach das alles. Grüßen können wir uns ja, sind ja alte Bekannte. Christine meint, Sie hätten mir mit Ihrem Interesse ein Kompliment gemacht, ich müsse das positiv sehen.“
„Puh“, schnaufte er. „Was soll daran jetzt positiv sein? Das ist voll scheiße peinlich! Sie hätten ja auch früher was sagen können!“
„Hab ich doch versuhucht!“
„Ich hab nix gehört, blöde Kuh.“
„Ach, kann ja mal passieren. Davon können wir noch unseren Enkeln erzählen und uns kaputtlachen.“
„Ja, sehr lustig“, sagte er. Als sie aufstand und ihn verließ, starrte er wie vom Holzhammer getroffen auf die Tischplatte vor sich. Aber dann hob er doch den Kopf und fragte: „Und warum flirtest du dann erst mit mir? Was sollte der Scheiß?“
„Ich habe nicht geflirtet! Ich wollte nicht von Ihnen angefasst werden, ich wollte nicht nach Hause begleitet werden, ich wollte Ihnen nicht meine Kabinennummer sagen, nicht mit Ihnen zu Mittag essen und überhaupt wollte ich gar nichts von Ihnen und habe das immer klar gemacht!“
„Nein, das stimmt nicht! Ihr Frauen zickt doch immer rum, du hast mit mir gespielt!“
„Bürschchen“, sagte ich und jetzt war ich es, die sich über seinen Tisch beugte: „Ich habe mindestens zwei Dutzend mal ‚nein‘ gesagt. Ich weiß, dass ihr Männer für sowas kein Ohr habt. Vergessen wir das einfach. Dein Verhalten war vollständig normal und OK für einen Mann. Aber meines war auch OK! Ich habe es dir so bald wie möglich gesagt, alles klar?“

 

Leider war das Raumschiff tatsächlich recht klein, man traf sich immer wieder. Roger hat seinen Schrecken niemals überwunden. Wann auch immer sie einander über den Weg liefen, drehte er sich um und nahm die andere Richtung, ignorierte Luisa so auffällig, dass alle sie fragend anblickten. Mag sein, dass ihm sein Benehmen ihr gegenüber nun peinlich war. Aber auf alle Beobachter musste es so wirken als habe ich ihm etwas Schlimmes angetan. Als habe sie sich eines Fehlers schuldig gemacht. Nicht gut in der Machogesellschaft, wo grundsätzlich immer der Mann Recht hat und der Fehler bei der Frau liegt. Sie hatte es schon schwer genug.
Christine meinte, das hätte sie jetzt von ihrer Zickigkeit. Aber was wäre passiert, wenn sie mit ihm in die Koje gegangen wäre? Besser hätte das nicht geendet. Dann würde er jetzt Witze über ihre Muttermale oder Narben reißen oder was auch immer.

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