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Warum wird ständig gegen gute Arbeit gehetzt?

Neulich, das war nun doch ein Spielfilm zu viel, in dem das Arbeiten als unmoralisch bezeichnet wird. Und heute Morgen stolpere ich wieder über einen Online-Artikel, der an uns appelliert, uns vom Perfektionismus zu verabschieden. Das ist ja wie in der Schule, als Fünferschreiben als cool galt und Leute, die ihre Hausaufgaben machen, als Schleimer und Idioten. Und wer gute Noten schreibt, ist als Streber sowieso ein Individuum schlechten Charakters. So als sei es vollständig undenkbar, dass jemand Freude an Leistung und persönlicher Weiterentwicklung hat, sondern nur Konkurrenz oder eine psychische Störung als Motivation für Leistung in Frage käme. Schon in der Schule wurde dem Leister alles mögliche unterstellt: Neurosen, Autismus, das Mangel an Hobbies oder eine krankhafte Aggressivität so als würde man nur gute Noten schreiben, damit die anderen sich schlecht fühlen. Die Botschaft war klar: Mach deine Hausaufgaben nicht, oder wir verprügeln dich zur Strafe im Pausenhof. Schließlich gibt der Lehrer nur darum so viele Hausaufgaben auf, weil gewisse Individuen sie ständig machen. Und die Klausuren sind nur darum so schwer, weil gewisse Leute Einser schreiben. Ich war damals ganz wild darauf, endlich mit der Schule fertig zu werden und unter Leute zu kommen, die sich ihr Studienfach und ihren Beruf frei gewählt haben und das mit Begeisterung machen. Nur leider übersah ich dabei, dass die Berufstätigen sich aus derselben Gruppe rekrutieren, mit der ich zur Schule ging. Das Fernsehen vermittelt wie so oft einen falschen Eindruck von der Realität. Auch hier herrscht Publication Bias: Über ihren Beruf interviewt werden immer nur diejenigen, die Außergewöhnliches leisten, weil sie lieben, was sie tun. Arbeitsscheue tauchen nur in humoristischen Sendungen auf. Das Gros der Berufstätigen ist genauso wenig motiviert wie meine Mitschüler*innen und Mitstudierenden. Da im Berufsleben der Sponsor doch auch mal Leistung für den nicht unerheblichen Gehalt sehen möchte, geraten gewisse Leute im Berufsleben unter Druck. Denn wer in der Schule seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und im Studium auch nicht, der hat zwar damals Zeit gespart, aber sich nicht die Fähigkeiten angeeignet, die er oder sie nun im Berufsleben brauchen würde. Tatsächlich hat nämlich der Bildungsmarathon wirklich und wahrhaftig aufs Berufsleben vorbereitet und wer sich um alles gedrückt hat, der ist nun eben nicht vorbereitet. Noch ein Grund, die blöden Streber zu hassen, denen die Arbeit nach wie vor leicht von der Hand geht.
Für mich ist Arbeiten schon immer positiv besetzt gewesen: Wenn ich arbeite, tue ich etwas Sinnvolles. Entweder entwickle ich mich selbst weiter, ich erzeuge ein für andere nützliches Ergebnis, ich unterstütze als Dozentin andere dabei, ebenfalls zu wachsen. Als Forscherin helfe ich mit, das Wissen der Menschheit zu erweitern. Das ist doch sehr schön. Das macht viel mehr Sinn, als sich durch irgendwelche Tricks einen freien Fernsehtag zu erschwindeln.
Leider werden in Film, Fernsehen und dem Rest der Kunst gerne faule Menschen gefeiert und fleißige Menschen diskreditiert. In vielen Filmen ist eine wiederkehrende böse Figur der Vater, der es nicht schafft, am hellen Nachmittag unter der Woche an irgendeiner Sportveranstaltung von Sohn oder Tochter teilzunehmen. Warum legen die Schulen so etwas überhaupt in die Arbeitszeit normaler Menschen? Warum wird Arbeiten überhaupt immer als etwas so Negatives gesehen, durch das die Familie beschädigt und anderen etwas weggenommen wird? Es zählt doch nicht nur, wie viel Zeit man miteinander verbringt, sondern vor allem die Qualität. Wenn der arbeitslose Vater den ganzen Tag nur fern sieht und an den Familienmitgliedern herumnörgelt, ist das auch nicht schöner als ein Vater, der abends spät nach Hause kommt und nur das Wochenende mit der Familie verbringt. Und warum braucht die gelangweilte Hausfrau ständig einen Mann, der ihr Bilder aufhängt oder Milch aus dem Supermarkt holt? Ist sie nicht schon erwachsen?
Wenn ich Leuten von meiner Arbeit erzähle, weckt es das eine Menge Widerstand. Ich bekomme jede Menge Argumente zu hören, warum ich meine Arbeit bleiben lassen sollte: "Vom Arbeiten wird man krank. Das kannst Du doch morgen auch noch machen. Bücherschreiben bringt zu wenig Geld ein. Das ist gar keine richtige Arbeit. Sowas können Frauen doch gar nicht. Ich hab das noch nie gemacht, also brauchst Du das auch nicht. Du willst wohl was Besonderes sein oder wie? Arbeiten hält Dich von den Menschen fern."
Grundsätzlich gilt Fleiß ein Zeichen einer persönlichen Schwäche: Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen, die weniger leistungswillig/- fähig sind, Geldgier, Perfektionismus, schlechtes Zeitmanagement. Oft wird harte Arbeit auch als Symptom einer schweren psychischen Störung interpretiert. Da werden massive Geschütze aufgefahren, um zu signalisieren: "Sei faul und erfolglos, sonst wollen wir nichts mit dir zu tun haben." Wie in der Schule. Soziale Isolation ist gleich nach der Todesstrafe die nächstschlimme. Bloß fehlt mir irgendwie die Zuversicht, dass man mich automatisch für Faulheit und fehlerhafte Arbeit lieben würde.

Bei so einer Arbeitseinstellung in der Gesellschaft wundert man sich, dass in Deutschland überhaupt noch irgendetwas produziert wird. Es muss doch enorm viel kriminelle Energie kosten, sich vor der Arbeit zu drücken. Stell ich mir so vor... Am besten fährt man jedoch, indem man sich einfach dumm stellt. Das ist nach meiner Beobachtung die sicherste Methode, um sich Arbeit vom Leib zu halten.
 

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