Overblog
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog

Die Fernlehre und ich: die ersten Schritte

Gerade fielen mir wieder meine ersten Schritte mit der Fernlehre ein. Als ich mich 2012 als Trainerin selbständig machte, gab es für mich zwei ganz pragmatische Gründe, mich mit der Fernlehre zu beschäftigen: Erstens ist es sehr anstrengend, fünf oder sogar sechs Tage pro Woche in Sachen Bildung herum zu reisen. Regelmäßig ist das mit einem frühen Aufstehen um 4 Uhr oder einer Heimkehr um 1 Uhr morgens verbunden, hoffentlich nicht auch noch in Kombination. Oder ich fahre mit dem Nachtzug nach Wien, halte dort meine Schulung und fahre mit dem Nachtzug wieder zurück, um am nächsten Morgen in Heidelberg wieder um 8:30 Uhr im Hörsaal zu stehen. Da erschien es mir verlockend, zwischendurch auch mal vom Home Office aus zu lehren. Zweitens stellte ich schnell fest, dass die älteren und erfahreneren Kollegen und Kolleginnen sich gegen die Online-Lehre sträubten. Das war also eine Marktlücke, solche Trainer wurden noch gesucht!

Da ich der praktische Typ bin, las ich mir keine theoretischen Abhandlungen über Fernlehre durch, sondern probierte die Sache einfach mal aus. Ich schrieb mich als Teilnehmerin für kostenlose und kostengünstige MOOCs ein mit Themen wie "R-Programmierung", "What plants know" (keine Esoterik, echte Biologie) oder "Historical Fiction". Damit fand ich sehr schnell heraus, was ich als Teilnehmerin gut und schwierig fand:

- Super sind Video-Vorlesungen von maximal 15 Minuten Länge, weil ich mir die schön beim Frühstück oder abends während des Gute-Nacht-Tees ansehen kann. Gerne auch mehrmals. Oder ich halte es an, wenn ich mir einen Tafelanschrieb genauer ansehen möchte oder irgendetwas herausschreiben. Das fand ich viel besser als im real life.

- Für eine Fortbildung von mehr als fünf Stunden Aufwand pro Woche muss man Opfer bringen, also irgendein Hobby aufgeben oder Ähnliches. Bis fünf Stunden bringt man "nebenbei" noch unter.

- Was mir schrecklich fehlte waren Kommilitonen, mit denen ich mich austauschen konnte. Zum Glück gab es zu den MOOCs immer auch Diskussionsforen. Aber die Lieblingsnebensitzer oder die Lerngruppe, die sind durch nichts zu ersetzen. Zum Lernprozess gehört für mich auch Diskussion dazu. Jedenfalls haben unser Gymnasiumslehrer das so gehandhabt, und ich hatte mich daran gewöhnt.

- Vollständig in den Wahnsinn treiben konnte es mich, wenn ich irgendwo fest hing, ohne Antwort finden zu können. Einfaches Googeln genügt oft nicht. Insbesondere nicht, wenn ich bis Sonntagmittag eine Hausaufgabe einreichen soll und noch nicht mal die Aufgabenstellung verstanden habe. Was, bitte, soll ich da überhaupt machen?? Da bricht Panik aus. Die Diskussionsforen haben auch hier die Antwort gebracht, aber ich ärgerte mich über Dozenten, die mich überhaupt erst in die Lage brachten durch mehrdeutig formulierte Aufgabenstellungen, die sie auch dann nicht nachschärften, wenn sie doch hätten sehen können, dass sie unklar sind. Noch schlimmer: Die Vorlesung hatte gar nichts mit der Übung gemeinsam, so als stammten sie von  Personen, die auf weit entfernten Planeten leben.

Das war ganz lehrreich für meinen Start als Online-Dozentin. Weitere Erfahrungen kamen dann noch hinzu und auch neue Fragestellungen wie "Woher weiß ich, dass die angezeigten Teilnehmer noch teilnehmen und nicht schon längst mit Fußpflege, Mailen oder dem Kochen des Abendessens beschäftigt sind?"

 

 

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren: