Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann
Gerade ist es schon wieder passiert. Ein Mann hat (sogar öffentlich) das Lob für die Arbeit erhalten, die ich gemacht habe. Und das Lob auch gerne angenommen. Der Matilda-Effekt fühlt sich besch... an. So als sei ich unsichtbar und alles was ich tue nicht existent. Wirkungslos. Meine Arbeit nutzt immer nur den anderen.
Zum Ausgleich dafür darf ich gerne die Verantwortung für die Fehler anderer auf mich nehmen.
Manchmal möchte ich am liebsten alles hinwerfen. Es führt mich ja nirgends hin. Wenn ein Mann einfach Dienst nach Vorschrift macht, wird er automatisch zum Experten. Wenn ich zusätzlich zu meinem Brotjob noch etwas extra leiste, werte ich mich damit sogar ab.
Ich habe das Thema gerade mit chatGPT diskutiert und das hat mich mehr aufgebaut als neulich seine Witze über Schildkröten, die auf Barhocker klettern. Im Zusammenhang mit dem Matilda-Effekt verwendet chatGPT das Wort "wegvermutet" = "Etwas wird nicht übersehen, sondern aktiv falsch zugeschrieben, basierend auf gesellschaftlich eingeübten Annahmen." Dieses Wort kannte ich noch nicht, werde ich aber zukünftig öfter benutzen. In diesen Zusammenhang passen auch die aus der Gender-Forschung bekannten Begriffe "attribution bias" und "assumed expertise".
Über verzerrte Kompetenzwahrnehmung habe ich ja mal einen einstündigen Vortrag gehalten. Wer den buchen will... Er ist eine wilde Mischung aus Schwänken aus dem echten Leben und Forschungsergebnissen. Ich halte ihn gerne mal wieder...
Die älteren Zuhörerinnen sagten: "Ja, das passiert ständig." Die jüngeren sagten: "Das kenn ich gar nicht. Gut, dass das vorbei ist." Aber es ist nicht vorbei. Als ich noch jung war, kannte ich das auch nicht. Die Noten der schriftlichen Prüfungen im Studium waren gerecht. Bei den mündlichen bin ich da weniger sicher, ließ mir damals aber noch einreden, ich sei selbst schuld am unfairen Verhalten der Prüfer, die ich vermutlich provoziert habe. Als Berufsanfängerin war ich lieb und bescheiden, da passte dann noch alles. Aber ab dem Moment, wo ich mir einbildete, etwas zu wissen und können, da wurde das Klima rauer. Und je kompetenter ich werde, umso übler die Diskrepanz zwischen Kompetenz und vermuteter Kompetenz, umso stärkere kognitive Dissonanz fürs Gegenüber. Aua.