Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann
Neulich hatte ich eine interessante Diskussion über Mobbing und wurde gefragt: Was hilft dagegen?
Aus meiner Erfahrung und aufgrund meiner Theorien würde ich folgendes empfehlen. Ich sehe drei Akteure:
Der / die Gemobbte:
Falls man aufgrund von etwas gemobbt wird, was man tut, könnte man damit aufhören, es zu tun. Problem dabei ist nur, dass er erste Eindruck am stärksten wiegt. Nehmen wir an, ich neige dazu, beim Arbeiten vor mich hin zu plappern. Das stört die Kollegen. Ich höre also damit auf. Trotzdem werden sie die nächsten Jahre immer darauf lauern, ob ich wieder anfange. Und selbst wenn ich nur kurz "Na sowas!" rufe, weil eine seltsame E-Mail reinkommt, werden sie die Augen rollen, obwohl ein solcher Ausruf bei jedem anderen OK wäre. Es ist also zu spät, der erste Eindruck sitzt. Nun ist es aber echt schwer, wenn man neu ist, sich von Anfang an perfekt entsprechend der Gepflogenheiten zu verhalten. Dass man beim Arbeiten nicht ständig vor sich hinbrabbelt, ist klar. Andere Verhaltensweisen sind vielleicht nur in diesem Unternehmen üblich, was ich anfangs aber nicht weiß. Beispielsweise wenn die Regel lautet, dass man beim Verlassen des Computers immer den Passwortschutz aktivieren muss, sogar wenn man nur kurz eine Tasse holt. Das sagt einem ja keiner, sondern die gehen davon aus, das sei normal und mache man überall so. Noch schwieriger ist es, wenn man gemobbt wird aufgrund einer Eigenschaft. Zu klug, zu dumm, zu dünn, zu dick, was auch immer. Das kann man nicht ändern und manches auch nicht erfolgreich vortäuschen. Nicht mal Dummheit ist einfach vorzuspielen. Und zum Dritten verhält man sich nicht mehr so richtig cool und entspannt ("Mir kann keiner was!"), wenn man während der Probezeit schon gemobbt wird und man seinen Job verlieren könnte. Kurz und gut: Als Neuer fällt man immer auf und wird immer beobachtet.
Der Mobber:
Auch wenn Mobbing entsprechend Definition durch einen Mob, also eine Gruppe, ausgeführt wird und durch Gruppeneffekte eine Eigendynamik entwickelt, braucht das Mobbing einen Antreiber. Jemanden, der immer wieder hetzt, immer wieder neue Lügen erfindet und verbreitet, Intrigen anspinnt und Menschen gegeneinander aufhetzt. Ohne diesen Motor würde sich das Mobbing irgendwann tot laufen. Jeder würde sich um seinen Kram kümmern, die Arbeit ist stressig genug. Man würde sich implizit darauf einigen, dass man einander nicht mag, aber trotzdem irgendwie zusammenarbeitet. Aber der Mobber lässt nicht locker. Ich habe da zwei Typen von Mobbern beobachtet: Borderliner und Psychopathen.
Borderliner sind ja emotional hochgradig instabil und von der Außenwelt abhängig. Sie brauchen totale Harmonie und Übereinstimmung mit ihrer Umwelt. Gleichzeitig haben sie einen sehr losen Bezug zur Realität. Folglich fühlen sie sich bedroht durch Menschen, die irgendwie anders sind. Und da sie merken, dass sie selbst anders sind, befürchten sie panisch, von der Gruppe ausgestoßen zu werden. Sie schlagen durch das Mobbing zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie schaffen Distanz zu der Person, die ihnen nicht gefällt, und hetzen die Aufmerksamkeit des Mobs auf jemand anderen. Dazu erfinden sie Geschichten und verdrehen Fakten. Gar nicht absichtlich, sondern weil sie durch ihre Krankheit zu "false memories" neigen. Sie erinnern sich hinterher falsch an Gespräche und Ereignisse, erzählen das aber im Brustton der Überzeugung weiter. Sie fühlen sich selbst gar nicht als Lügner, was sie so überzeugend macht. Wenn man sie zur Rede stellt, reagieren sie verwirrt und es ist ihnen oft sogar peinlich. Aber bei nächster Gelegenheit machen sie es wieder!
Der Psychopath macht dasselbe absichtlich, was der Borderliner intuitiv tut. Er beobachtet gezielt die Menschen und ihre Schwächen. Und dann verbreitet er Geschichten, die die Menschen gegeneinander aufhetzen. Beispielsweise erzählt er den fleißigen Kollegen, wie faul ich sei, und den faulen Kollegen, was für eine Streberin ich sei. Wenn ich ihn zur Rede stelle, grinst er nur und lacht sich kaputt darüber, wie sehr ich mich ärgere und dass seine Manipulation so wundervoll ihre Wirkung tut. Das ermuntert ihn, damit fortzufahren, weil es ja offensichtlich funktioniert und Psychopathen grundsätzlich keine ethischen Hemmung verspüren. Sie klingen oft so wie der Bösewicht im Thriller, der seinem Opfer stolz erzählt, wie er das alles so schlau gesteuert hat. Das kann er dem Opfer auch freimütig erzählen, weil es sowieso schon so gut wie tot ist. Früher fragte ich entsetzt: "Und jetzt willst Du dafür noch von mir bewundert werden?" Das frage ich nicht mehr, ist ja offensichtlich. Auch die Frage "Wozu?" ist eigentlich müßig. Entweder es bringt ihm einen Karrierevorteil oder er macht es einfach nur zum Spaß. Oder sie.
Deshalb sehe ich mir auch keine Psychothriller an. Ich könnte selbst welche schreiben, basierend auf wahren Begebenheiten...
Der Mob:
Die meisten Menschen sind harmlos. Glaube ich. Hoffe ich. Das heißt, sie wollen einfach nur morgens zur Arbeit geben, irgendwie den Tag mit wenig Aufwand rumbringen und abends pünktlich heim. Sie wollen auch keinen Ärger bei der Arbeit. Sie ärgern sich aber durchaus über die Geschichten, die der Mobber erzählt. Über die neue Kollegin, die sich zu fein ist, richtige Arbeit zu leisten. Oder die ohne Berufserfahrung einen Senior-Posten bekommen hat. Oder was auch immer der sich ausgedacht hat. Das ärgert sie, das ist ungerecht. Sie verhalten sich also distanziert oder auch latent feindselig. Der Mobber heizt dieses Gefühl täglich neu an und steuert auch ihr Verhalten durch vermeintlich gute Ratschläge. Beispielsweise haben mich bei einem meiner Jobs innerhalb weniger Tage mehrere (weniger fleißige) Kollegen angesprochen, ich solle weniger arbeiten, weil sonst von ihnen auch so viel erwartet würde. Offensichtlich hatte man sich abgesprochen, und ich habe so eine Vorstellung davon, auf wessen Misthaufen diese Maßnahme gewachsen ist. Ich fands nicht so lustig, weil ich nicht freiwillig so viel gearbeitet habe. So weit ich weiß, wusste mein Chef gar nicht, dass ich so viel arbeite, weil er vom Mobber mit gegenteiligen Informationen gebrieft worden war, so dass der mir ständig noch zusätzliche Arbeit aufbrummte, garniert mit Sprüchen wie "Faule Leute wie dich sollte man rausschmeißen." Derselbe Job und so unterschiedliches Feedback!
Was kann also der Mob oder der Chef gegen Mobbing tun? Ich fände es schonmal ganz prima, wenn sich Chefs und Kollegen ihre Meinung auf der Grundlage von Fakten bilden würden statt auf der Grundlage von Gerüchten und Behauptungen. Viele davon so haarsträubend und unglaubwürdig, dass man sie bei kurzem Nachdenken anzweifeln müsste. Aber ein Chef von mir rechtfertigte sich mal: "Die Geschichte war so krass, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass die sich jemand ausdenkt. Es war klar: Wenn das stimmt, dann verlierst Du Deinen Job. Also ging ich davon aus, dass sie recherchiert und Belege dafür haben." Leider war es etwas, für das sie gar keine Belege hätten finden können. Sowas kann man nicht nachprüfen.
Was auch vollständig unterschätzt wird: beide Seiten befragen. Ein Chef von mir sagte jedoch mal ganz klar: "Ich glaube immer das, was ich zuerst höre." Ja, genau das war der Fehler. Wie soll ich eine Lüge richtigstellen, bevor sie geäußert wurde? Jeder Chef sollte den Betroffenen von Gerüchten direkt ansprechen. Meine Erfahrung zeigt, dass die meisten Menschen schlecht lügen und es oft nicht mal versuchen. Insbesondere dann, wenn man sie unvorbereitet erwischt. (Abgesehen von den oben genannten Mobbern, die eine konsequente Strategie verfolgen.) Darum spreche ich Leute auf Gerüchte an und frage nach. Die Leute sind dann meist redselig und freuen sich, dass auch mal jemand ihre Sicht interessiert. Außer sie hören das Gerücht selbst zum ersten Mal, dann wirds dramatisch. Im Gegensatz zu einem Exchef interpretiere ich eine extreme Reaktion in dieser Situation nicht automatisch als Schuldeingeständnis, sondern kann auch das Gegenteil sein. Wäre der Beschuldigte schuldig, hätte er ja schon damit gerechnet, dass die Wahrheit irgendwann herauskommt.
Ich erinnere mich noch positiv an die Reaktion eines Chefs, als das Gerücht umging, ich könne kein Englisch. Wäre das wahr gewesen, wäre der schöne Job gleich futsch, weil ich dafür unbedingt fließendes Englisch brauchte. Darum war das Gerücht wohl auch so lustig. Also beschloss der Chef kurzerhand, dass ich beim nächsten Firmenmeeting einen halbstündigen Vortrag über mein aktuelles Projekt auf Englisch halte. Damit war der Scheiß erledigt. Leider konnte ich den Gesichtern der Zuhörer ansehen, wer das blöde Gerücht über mich schon gehört hatte. Ungefähr die halbe Firma. Immerhin schienen manche erleichtert, dass es sich als falsch herausstellte.
Eine weitere gute Geschichte stammt nicht von mir, sondern von einer Freundin, die soziale Arbeit studierte. Eine Studentin mochte eine der Dozentinnen nicht und versuchte, die Gruppe gegen diese aufzuhetzen. Die Gruppe sprach sich untereinander ab und dann wurde der Mobberin mitgeteilt, dass sie ihr Verhalten nicht in Ordnung finden. Damit war diese Intrige vom Tisch. Leider wird das selten gemacht, weil die meisten Leute sich ja eher heraushalten möchten. Was sie dann aber leider doch nicht tun. Diese Maßnahme ist aber wirkungsvoll, weil der Borderliner panische Angst vor Ausgrenzung hat und der Psychopath vor Machtverlust. Gegen die Gruppe werden sie also nicht agieren!
Kurz und gut: Ich sehe Mobbing anders als der Mainstream. Auch wenn die Forschung zeigt, dass Gemobbte sich in irgendeiner Weise vom Normalo unterscheidet, kann man meiner Meinung nach nicht unbedingt von "selbst schuld" sprechen. Jeder hat ein Recht darauf, ein wenig exzentrisch oder (neuro)divers zu sein, solange es seine Arbeitsleistung nicht beeinträchtigt. Eine Firma lebt ja geradezu von einer Mischung aus kreativen Chaoten und griesgrämigen Bedenkenträgern, so lange jeder passend eingesetzt wird. Also nicht gerade der Chaot als Projektleitung. Dann gibt es auch gar keinen Grund, irgendjemanden zu mobben. Ich mag auch nicht jeden, aber als Profi sollte man sich auf Aufgaben und Ergebnisse konzentrieren.
Ich denke auch, dass man keine esoterischen Workshops oder hochkomplizierten psychologischen Theorien braucht, um Mobbing zu unterbinden. Faktenbasiertes Management und "mit den Leuten reden" wäre schon sehr hilfreich!
Einfach ist es trotzdem nicht. Als ich Chefin war, sagte ich mal einer Mobberin, die zum wiederholten Male bei mir vorsprach, um Kolleginnen zu denunzieren, sie solle sich um ihre eigene Arbeit kümmern. Verärgert, dass ich nicht gehorche, wandte sich dann natürlich ihre Wut gegen mich und somit auch ihre Lügen. Seufz. Borderlinerin. Das heißt, sie war sich nicht bewusst, dass sie übertreibt und hetzt, und integrierte meine Weigerung in ihre Verschwörungstheorien mit hinein. Ich denke aber immer noch, dass es nicht besser gewesen wäre, wenn ich mich zum Werkzeug ihrer Intrigen gemacht hätte. Sie hätte auf jeden Fall Schaden angerichtet. Man darf das Böse nicht fördern!