Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann
Als ich gestern im Vorlesungssaal auf die Uhr an der Wand blickte, fiel mir wieder ein, wie ich schon vor Jahren in einem Blog-Artikel diskutierte, wie die Rolle der Uhr in Seminarräumen sich gewandelt hat. Als ich 2005 zu lehren begann, hingen die Uhren grundsätzlich hinten im Raum, damit ich als Dozentin ständig die Zeit im Blick behalten kann. Schließlich bin ich ja für die Zeiteinhaltung verantwortlich. Nun hängen sie grundsätzlich vorne, also im Rücken der Dozentin und im Blickfeld der Zuhörer/innen. Damit die Teilnehmenden die Zeit im Blick behalten können und mich darauf aufmerksam machen, wenn ich überziehe. Das Recht der Teilnehmenden, die korrekte Uhrzeit angezeigt zu bekommen, ist nun wichtiger als meines.
Heute Morgen fiel mir auf, dass sich auch die Rolle von Vorlesungsbewertungen ebenfalls völlig gewandelt hat. Ich unterscheide da drei Phasen.
Phase 1: Ich erinnere mich noch, wie Vorlesungsbewertungen zwischen meinem ersten und zweiten Studienjahr an der Universität Stuttgart eingeführt wurden. Die Motivation bestand darin, dass wir Studierenden dem Dozenten anonym Rückmeldung geben können zu seiner Vorlesung. Damit er dann ggf. versteht, warum so wenige in die Vorlesung kommen und was er verbessern könnte. Die Bewertung fand nach zwei Dritteln des Semesters statt, damit noch Zeit bleibt, damit der Dozent noch während der Vorlesungszeit mit den Studierenden darüber sprechen kann. Es handelte sich um ein Kommunikationsinstrument für die Studierenden, die damit dem Dozenten etwas mitteilen. So weit ich mich erinnere, haben die Fachschaften die Einführung initiiert und die Hochschule die organisatorische Infrastruktur dafür bereitgestellt. Ich habe mich damals freiwillig gemeldet für eine Arbeitsgruppe, die die Ergebnisse diskutiert. Ich habe damals schon die Frage aufgeworfen, ob die Befragungen überhaupt anonym sein müssen. Argument dafür war, dass man sich sonst ja nicht trauen würde, seine Meinung zu sagen, weil man sonst eventuell in der Prüfung dafür bestraft würde. Lieb und naiv wie ich bin, meinte ich, dass man seine Kritik ja konstruktiv formulieren könne. Anonyme Befragungen verlocken dazu, auch verletzenden Mist zu schreiben, für den man persönlich keine Verantwortung übernehmen muss. Die Befragungsergebnisse waren damals schon oft sehr verletzend formuliert. Einer unserer Dozenten war schockiert. Seine Vorlesung war tatsächlich superchaotisch, ohne dass er das wohl selbst bemerkt hatte. Aber die Wortwahl meiner Kommilitonen fand ich unangemessen und wenig hilfreich.
Phase 2: Sobald Daten erstmal ermittelt sind, werden sie auch missbraucht. Die Hochschulen kamen auf die Idee, diese Studierendenbewertungen auch für ihre Zwecke zu nutzen. Bei befristeten Dozentenverträgen hing die Verlängerung von der Kursbewertung ab. Auch Gehalts-Boni oder Entfristungen konnten daran geknüpft werden. Das Problem ist nur, dass damit die Vorlesungsbewertungen ihre Unschuld verloren. Zahlreiche Perversitäten wurden dadurch gefördert:
- Gerade schlechte Dozenten manipulierten die Bewertungen auf mannigfaltige Weise: niedrige Leistungserwartungen an die Studis, Einschränkung des Lernstoffs, sehr direkte Hinweise darauf, was in der Prüfung dran kommt, und so weiter. Das wirkte sich so aus, dass gerade die faulen Studierenden (also die 80 %ige Mehrheit) diese Kurse besonders gerne besuchten und auch sehr gute Kursbewertungen gaben. Es steigen also zugleich die Belegungszahlen und die Kurszufriedenheit und weisen diesen didaktisch gesehen schlechten Kurs scheinbar als überdurchschnittlich gut aus.
- Ein Extremfall war mal ein Kollege, der - aus Inkompetenz und Faulheit - in seiner Vorlesung mitnichten den Inhalt des Modulhandbuchs behandelte, sondern stattdessen in einer technischen Vorlesung Softskills lehrte. Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche und dergleichen. Er wirkte auf die Studierenden wohl überzeugend und kompetent und sie waren begeistert, dass er ihnen Dinge beibrachte, die sie ohne ihn sonst nicht während des Bachelorstudiums gelernt hätten. Ich dagegen paukte mit ihnen UML und andere Software Engineering Techniken. Da dieser Dozent ein Problem damit hatte, dass ich als Gastprofessorin mehr verdiente als er mit seinem Lehrauftrag, schoss er ständig gegen mich quer, fragte seine Studierenden, was sie in meiner Vorlesung gelernt haben und erklärte ihnen, dass UML und Co rein theoretische Methoden seien, die in der Praxis niemand verwende. Ergebnis: ausgezeichnete Kursbewertung für ihn, schlechte Kursbewertung für mich. Schließlich habe ich sinnlose Inhalte gelehrt. Da diese vor den Prüfungen stattfand, konnte sie noch nicht berücksichtigen, dass bei meiner Prüfung am Ende normale und gerechte Noten herauskamen und bei ihm die Noten das waren, was ich "ein Gemetzel" nennen würde. Die meisten fielen durch, Notendurchschnitt 3,7. Ob er Bewerbungsgespräche oder technische Themen abfragte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
- Es gibt auch Dozenten, die verteilen "Sitzscheine", d.h. wer in jeder Vorlesung anwesend ist, erhält eine 1, wer ein Mal fehlt, bekommt eine 2 und so weiter.
- Oder der Dozent verteilt während der Kurszeit schonmal die Prüfung mit Musterlösung, damit die Studierenden nur noch die Musterlösungen auswendig lernen müssen und nicht den gesamten Stoff. Das gibt natürlich ausgezeichnete Kursbewertungen.
- Ich habe es schon erlebt, dass ich eine dreiteilige Vorlesungsreihe halten sollte. Da ich aber schon in Teil 1 den Studierenden Hausaufgaben aufgab, drückten sie mir eine schlechte Kursbewertung rein und erfanden haarsträubende Lügen für die Kursbewertung. Im Gespräch mit der Studiengangsleiterin, die mich beauftragt hatte, kam heraus, dass in mündlichen Gesprächen mit ihr fast nur der hohe Aufwand der Hausaufgaben kritisiert wurde. Und außerdem dass gerade dieser Jahrgang das regelmäßig machte, dass sie unliebsame Dozenten durch schlechte Kursbewertungen rauskickten. Sie nutzten also die Vorlesungsbewertung als Machtinstrument und das Hochschulmanagement unterstützte das.
- Bei einem kommerziellen Schulungsanbieter, wo ich früher Kurse gab, hatten die Teilnehmenden herausgefunden, dass sie ihre recht hohe Kursgebühr zurück erhalten, wenn sie mit dem Kurs besonders unzufrieden sind.
Wie meistens beeinflusst das Messinstrument das zu Messende. Nicht nur der Dozent verhält sich durch die Kursbewertungen anders als ohne, sondern die Studierenden auch. Die Befragungsergebnisse sind keine reine Faktenfeststellung und kein unschuldiges Kommunikationsinstrument mehr, sondern ein Machtinstrument, das die Macht vom Dozenten zu den Studierenden verschiebt. Aus Studierendensicht hängt von mir nur eine ihrer Noten ab, gegen die sie sogar Einspruch erheben könnten. Für mich hängt aber von den Studierenden meine finanzielle Existenz und mein guter Ruf ab, fast ganz ohne Einspruchmöglichkeit. Das ist ein massives Machtungleichgewicht!
Ich entwickle meine Vorlesung ständig weiter, damit auch die Rückmeldungen sich verbessern. Dabei fokussiere ich genau auf die Punkte, die am wenigsten gut bewertet wurden. Die Vorlesungsbewertung hilft mir also bei der Priorisierung in meinem Prozess der ständigen Verbesserung. Da allerdings die Mehrheit der Bewertenden gar nicht wirklich einen Kurs möchte, wo sie durch harte Arbeit hochwertige Inhalte lernen, sondern viel lieber mit wenig Aufwand und guten Noten irgendwie durchrutschen möchten, verkehrt sich leider das ganze Feedbacksystem oft ins Gegenteil und fördert gerade schlechte Lehre! Hausaufgaben sind beispielsweise didaktisch sinnvoll und waren während meines Studiums die Norm. Werden aber wohl aussterben, weil sie durch die Kursbewertungen abgestraft werden. Wenn der Dozent die Vorlesungszeit mit Schwänken aus seinem Leben verschwendet, statt Inhalte zu lehren, gibts ebenfalls eine bessere Vorlesungsbewertung. Wie gesagt: Bewerbungsgesprächsübungen kommen besser an als technische Inhalte oder die doofe UML.
Phase 3: Die Uhr wurde sozusagen umgehängt. Innerhalb von ein paar Jahren wurde es fast vollständig unüblich, dass die Dozenten ihre Kursbewertungen selbst jemals zu Gesicht bekommen. Zumindest an den privaten Hochschulen. An der Uni Heidelberg wird mir meine Vorlesungsbewertung immer noch zugeschickt. Aber überall sonst nicht mehr. Zuerst hielt ich es für einen technischen Fehler und fragte jeweils nach, bekam aber keine sinnvollen Begründungen oder gar die Kursbewertung zugeschickt. Neulich erhielt ich immerhin von der Studiengangsleitung als Tipp einen von den Studierenden geäußerten Verbesserungsvorschlag mitgeteilt. An einer anderen Hochschule ebenfalls. Aber das hängt von einzelnen Personen ab, ob und was sie mir weiterreichen. Die Vorlesungsbewertungen sind inzwischen ein reines Messinstrument nur noch für die Hochschule, nicht mehr für den Dozenten. Dadurch kann ich die Vorlesungsbewertungen auch nicht mehr in meinem Verbesserungsprozess nutzen, wofür sie ursprünglich eingeführt wurden. An der Uni Heidelberg findet die Kursbewertung immer so spät im Semester statt, dass ich gerade noch in den allerletzten Vorlesungsstunden retrospektiv mit den Studierenden darüber sprechen könnte, um nächstes Semester Verbesserungen durchzuführen. Darum führe ich selbst zur Hälfte des Semesters eine kleine nichtanonyme Umfrage durch. Dieses Semester wurde u.a. eine etwas längere Pause zwischen den beiden Doppelstunden gewünscht, was ich auch sofort umgesetzt habe. Genau so war das nämlich mal gedacht mit den Vorlesungsbewertungen. Wenn ich jetzt aber immer noch sinnvolles Feedback will, muss ich das als Dozentin selbst erheben. Es fühlt sich auch sehr seltsam an, wenn hinter meinem Rücken Vorlesungsbewertungen von den Studierenden an meine Auftraggeber gehen und ich nicht mal weiß, was drin steht. Noch schlimmer als die Uhr in meinem Rücken. Ich muss für die Kurse auch immer meine eigene Uhr mitbringen, damit ich ständig die Zeit im Blick habe.
Leider weiß ich durch diese Signale auch, wie sich die Rolle des Dozenten verändert. Man entzieht uns Dozenten nach und nach alle Informationen, die wir für gute Lehre brauchen. Damit fehlt schlechten Dozenten die Information für ihre Manipulationen, aber den guten für ihre Verbesserung. Anscheinend vertraut man uns Dozenten nicht mehr. Wir sind nicht mehr die Top-Experten, die einen Kurs eigenverantwortlich gestalten und durchführen, sondern nur misstrauisch beobachtete und austauschbare Hilfskräfte. Nur frage ich mich, ob man stattdessen die Rolle von Vorlesungsbewertungen und den Umgang damit verändern sollte. Warum bilden sich die Auftraggeber fast nie ein eigenes Bild von einer Vorlesung und dem Dozenten, sondern überlassen die Bewertung vollständig den Studierenden? Vor der Einführung der Vorlesungsbewertungen gab es doch sicher auch schon Qualitätssicherungsmaßnahmen!
Einige weitere Beispiele für den Informationsentzug: Bei meinem letzten neuen Lehrauftrag habe ich mehrere Wochen gebraucht, um mich durchzufragen und das Modulhandbuch für mein Modul zu besorgen. Früher wurde einem so etwas automatisch mit der Beauftragung mitgeschickt. Das müsste eigentlich eine zwangsläufige Anlage zum Lehrauftrag sein!! Bei vielen Fernhochschulen weiß ich inzwischen nicht mehr, was in der Prüfung dran kommt. Prüfungserstellung und Vorlesung wurden entkoppelt und auf verschiedene Lehrbeauftragte verteilt. Grundsätzlich verstehe ich, dass damit verhindert werden soll, dass die Studierenden im Kurs schon die Prüfung samt Musterlösung ausgeteilt bekommen. Aber diese Maßnahme bringt massive Schwierigkeiten für mich als Dozentin mit sich. Bei einem Kurs habe die durchgefallenen Studenten gefragt, was bei der letzten Prüfung dran war. Das kann ja wohl nicht sein, dass das meine Informationsquelle ist! So habe ich dann auch erfahren, dass der Prüfungsersteller sich nicht an die offiziellen Prüfungsschwerpunkte gehalten hatte, sondern eigene setzte. Wenn ich das mal alles so zusammenfasse, scheinen das alles keine einzelnen Fehler mehr zu sein, sondern ein systematischer Paradigmen- und Rollenwechsel, von den Hochschulen getrieben.
Da geht einem als Dozent doch die ganze Leichtigkeit verloren, ... Aber vermutlich dauert es sowieso nicht mehr lange, bis die Vorlesungen von KI-Avataren gehalten werden. Die Prüfungen sind ja zum großen Teil schon Multiple Choice und werden von Maschinen korrigiert. Die ursprüngliche Idee geht verloren: dass ich als Dozentin als menschliche Expertin und Vorbild mein Wissen an die Studierenden weitergebe, ihnen alles beibringe, von dem ich mir wünschte, dass es Teil meines Studiums gewesen wäre, dass ich mit ihnen einübe, wie ein Ingenieur zu denken und zu arbeiten, dass ich sie auch ein wenig quäle und schinde, wie ich selbst in meinem Studium zugeschliffen wurde... Das geht so alles nicht mehr in kostenoptimierten und fraktionierten Geschäftsprozessen, die den studierenden Kunden möglichst geben, was sie wollen, aber nicht was sie brauchen (werden).