Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann
Als ich den Klappentext las, dachte ich: "Das Buch könnte von mir sein!" Das ist immer ein gutes Kaufargument. Hier steht unter anderem: "Wie wir die Beziehungen unserer Freunde kitten, indem wir ihnen erklären, dass sie mit dem größten Versager der Welt liiert sind; wie wir Kinder am sichersten für Dinge interessieren, indem wir sie ihnen verbieten; wie wir schneller einschlafen, indem wir versuchen, wach zu bleiben."
Das Buch hat mich dann aber doch ein wenig enttäuscht. Vermutlich auch darum, weil ich schon recht viel Vorwissen habe. Zunächst geht es nämlich um die Wahrnehmungsfehler, die uns allgemein unterlaufen: ein vereinfachtes Weltbild, einfache Regeln versagen in einer komplexen Welt, Selbstüberschätzung. Wenn man zu viel des Guten tut, erreicht man das Gegenteil. Wenn man sagt "Es ist kein Adler am Himmel", entsteht vor dem inneren Auge des Gegenübers natürlich das Bild eines Adlers am Himmel, obwohl er vorher gar nicht daran gedacht hatte. Gut fand ich, dass hier konkrete wissenschaftliche Studien genannt und beschrieben werden.
Und dann erst wird erklärt, warum und wie wir durch unser Handeln und Reden bei anderen paradoxe Effekte auslösen, siehe Klappentext. Beispielsweise ging es in dem Film "Findet Nemo" darum, dass Clowns-Fische sich im Meer wohler fühlen als im Aquarium. Trotzdem führte der Film zu einem Kaufboom für Clowns-Fische und zu einer massiven Reduktion der freilebenden Populationen. "Je komplexere Systeme, desto größer das Risiko, mit Versprechungen paradoxe Ergebnisse zu erzielen."
Als Schriftstellerin mache ich mir auch oft Gedanken darüber, dass Romane und Filme derart komplexe Geschichten mit unterschiedlichen Perspektiven sind, dass der Leser oder Zuschauer daraus gegenteilige Schlussfolgerungen ziehen kann als ich das beim Schreiben gemeint habe. Da dienen dann Krimis und Psychothriller als Anweisungen. Es heißt hier richtig, man sei als Schriftsteller "auf die moralische Haltung seiner Leser angewiesen". Ja, und auf deren Empathie mit einem Opfer. Journalistische Berichte über Selbstmorde können weitere Selbstmorde auslösen. Artikel über Amokläufe können Nachahmungstaten inspirieren.
Aus diesen paradoxen Effekten wird dann hergeleitet, wie wir andere Menschen manipulieren können. Indem man Regeln verletzt, erregt man Aufmerksamkeit. Indem man Kindern sagt "Das schaffst du sowieso nicht" (z.B. das Zimmer aufzuräumen) motiviert man sie dazu. Ich finde das aber sehr vereinfacht, weil nicht jeder gleich ist. Beispielsweise gibt es Studenten, die umso schlechter arbeiten, je mehr man sie lobt. Das sind aber die schlechten. Die guten werden dadurch motiviert. Das kann man nicht alles über denselben Kamm scheren. Auch den Tipp "Warnen Sie vor dem, was die Menschen tun sollen", "Verbieten Sie, was Sie durchsetzen wollen" und "Loben Sie andere für Dinge, die Ihnen auf die Nerven gehen, um sie abzustellen" halte ich für gefährlich. Der andere kann sich später darauf berufen, man habe ihn ausdrücklich dazu aufgefordert!
Mir fehlen hier auch noch einige Effekte, die für mein Berufsleben sehr viel wichtiger waren. Vermutlich auch darum, weil sie zum Themenbereich der geschlechtsspezifischen Diskriminierung gehören, womit dieser männliche Autor keine Erfahrung hat. Besonders fatal sind diese Effekte während der Einarbeitungsphase in einen neuen Job. Dieselbe Rolle ist in verschiedenen Unternehmen anders definiert, Anforderungen und Testfälle werden unterschiedlich spezifiziert, dieselbe Lehrveranstaltung hat an unterschiedlichen Universitäten verschiedene Inhalte und wird auch didaktisch anders durchgeführt. Wenn ich neu bin, kenne ich die lokalen Gepflogenheiten nicht. Und nicht alles kann ich auf der Webseite oder in allgemeinverfügbaren Dokumenten nachlesen. Zur Einarbeitung bin ich darum auf Chef und Kollegen angewiesen. Wenn die mir aber falsche Informationen, Vorlagen oder sogar Anweisungen geben, merke ich das erst viel später, wenn ich sehe, dass die anderen es anders machen oder wenn es verärgertes Feedback gibt. Manchmal ärgern sich die anderen einfach nur warum, weil ich meine Arbeit anders ausführe als die männlichen Kollegen. Und das obwohl der Chef mich ausdrücklich dazu angewiesen hatte, weil er davon ausging, dass Frauen ihre Arbeit anders machen müssen als Männer. Auch das Feedback ist meist unehrlich. Mein Arbeitsergebnis wird gelobt in einer Tonlage und Körpersprache, die klar signalisiert, dass irgendwas noch fehlte. Ich frage nach und erhalte ein verärgertes "Nee, ist schon OK", was so klingt wie "Vermutlich können Frauen sowas nicht besser". Bloß hilft mir das gar nicht, wenn ich dieselbe Aufgabe wiederhole, weil ich nur weiß, das letzte Mal war es falsch, ohne eine Ahnung zu haben, was noch fehlte. Also mache ich es beim zweiten Mal wieder genauso falsch. Zur Einarbeitung braucht man ehrliches, sachliches Feedback und kein genervtes "Ich weiß ja, dass ihr Frauen mit Kritik nicht umgehen könnt!" Aber gut, um die Perversionen der Diskriminierung geht es in diesem Buch nicht. Vielleicht sollte ich da selbst noch ein Buch drüber schreiben. Allerdings weiß ich auch keine Lösung für alles. In vielen Fällen kann man ja statt dem diskriminierenden Chef auch Kollegen um ehrliches Feedback bitten. Aber beispielsweise hatte ich in mehreren meiner Jobs keine Stellenbeschreibung oder Rollendefinition, und da konnten mir meine Kollegen auch nicht weiterhelfen, weil die ja nicht wissen, was unser Chef sich gedacht hat. Ich hatte stattdessen die Information, dass meine Rolle nicht gleich definiert sei wie die meines (männlichen) Vorgängers. Ich habe nicht dieselben Aufgaben und Befugnisse, aber mit einer ausdrücklichen Neudefinition der Rolle wolle man noch warten. Gar nicht hilfreich. Ich konnte dann nur Dienst nach Vorschrift machen, weil jegliche Eigeninitiative von mir abgeblockt wurde mit "Dafür hast du kein Budget" und "Dafür hast du keine Befugnis". Ich bin aber relativ sicher, dass man von mir durchaus erwartete, dass ich genau diese Dinge tue, für die ich weder Budget noch Befugnis hatte. Widersprüchliche Signale und unerfüllbare Erwartungen sind ja ein sehr mächtiges Werkzeug der Diskriminierung, mit denen man sicher bewirken kann, dass selbst die beste Frau versagt. Und hier ist es paradoxerweise trotz allem am besten, gegen die Anweisungen zu verstoßen und die Arbeit genauso zu machen wie ein Mann sie machen würde. Der Chef kann ja hinterher nicht öffentlich zu geben, dass er versucht hat, mich auszubremsen. Aber gut, da der Chef immer Möglichkeiten zur Strafe hat, z.B. eine Degradierung, bin ich froh, dass ich jetzt Freiberuflerin bin und mich mit solchen Paradoxien nicht mehr beschäftigen muss. Ist jedes Mal eine kitzlige Entscheidung. Und das genieße ich wirklich sehr in der Zusammenarbeit mit meinen Kunden: Da sie ein Interesse daran haben, dass ich meine Arbeit erfolgreich machen kann (dafür bezahlen sie schließlich Geld), bekomme ich alle Informationen und Hilfsmittel, die ich brauche. Naja, fast, siehe in meinem Blogartikel über Vorlesungsbewertungen.
Christian Ankowitsch: mach's falsch und du machst es richtig - Die Kunst der paradoxen Lebensführung
Rowohlt, 2. Auflage, 2011
ISBN 978-3-87134-711-5