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Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann

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Die Spaltung der Welt

Vor ein paar Wochen las ich einen Artikel darüber, dass die Spaltung der Gesellschaft durch entsprechende Medienbeiträge überbetont und eben auch voran getrieben wird. Der Artikel erschien in dieser Zeitschriftenausgabe mit dem Thema "Polarisierung": 
https://www.forschung-und-lehre.de/heftarchiv/ausgabe-03/26

Seitdem ging mir dieser Gedanke weiter im Kopf herum, weil ich schon oft bemerkt habe, dass gerade Verschwörungstheoretiker und politisch Radikale sich in ihrem Kopf offensichtlich in einem ständigen Kampf gegen ihre Umwelt befinden. Sie haben schon gewohnheitsmäßig so einen leidend-passiv-aggressiven Sprechton und können gar nicht anders als alles, was sie hören und sehen in eine Bedrohung und einen Skandal umzuinterpretieren. Sogar wenn es etwas Positives ist. Darum ist ja mein Eindruck, dass sie sich vermutlich schon seit ihrer Kindheit im ständigen Kampf gegen ihre Umwelt befinden und es letztlich egal ist, gegen was sie ankämpfen. Hauptsache sie kämpfen. Weil es ihr normaler Kommunikationsstil ist. Irgendwann mal zur Ruhe zu kommen, irgendetwas in Ordnung zu finden oder sogar zu vertrauen, würde sich für sie vermutlich anfühlen wie in ein Loch zu fallen. Dann wüssten sie gar nicht mehr, was sie denken und sagen sollen. Oder womit die Leere in ihrem Leben füllen. Konstruktives zu denken und zu tun sind sie ja nicht gewohnt. Weil es ja angeblich eh nichts bringt. Das ist ja mit ein Grund für ihre Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und / oder sonstige Probleme.  Sie sind nicht arbeitslos wegen dem Kapitalismus, sondern weil sie sich als dessen machtloses Opfer inszenieren. Sie sind nicht Incels, weil die Ansprüche der Frauen zu hoch sind, sondern weil sie die Frauen mit ihrem Incel-Gelaber in die Flucht schlagen. Trotzdem fühlen sie sich natürlich in ihrem Weltbild bestätigt und leugnen ihren Beitrag zum Geschehen.

Ich hatte gerade eine ARD-Doku-Phase und habe entsetzt festgestellt, dass es in den meisten Dokus um Spaltung geht. Es gibt sogar eine (sehr gute) Doku-Serie mit dem Titel "Die Spaltung der Welt", wo die historischen Hintergründe dargestellt werden der Spaltung zwischen Ost und West, Gaza und Israel usw.

Aber auch auf privater Ebene ist mir aufgefallen, warum ich die Kommunikation mit meinen Mitmenschen als einen permanenten Eiertanz empfinde. Weil sie auf simple Fakten fast immer extrem reagieren. Dabei gibt es genau zwei alternative Reaktionen. Beispielsweise ich erzähle, dass ich ein Buch geschrieben habe, aber nur sehr wenig Honorar dafür bekommen. Der eine reagiert arrogant und macht sich darüber lustig, dass ich so eine erfolglose Idiotin bin, die Bücher schreibt für weniger als eine Million Euro Vorschuss. Er fühlt sich mir gegenüber überlegen, sogar dann wenn er keine Bücher für mehr Honorar schreibt, sondern stattdessen schlau genug ist, sich nicht dermaßen ausbeuten zu lassen. Der andere fühlt sich schlecht, z. B. weil er selbst schon lange mal ein Buch schreiben wollte, es aber nicht hinbekommen hat. Er wird darum aggressiv und beleidigt mich aus Neid. 

Irgendwann hatte ich mal die Erkenntnis, dass ich Menschen nicht vertrauen sollte, die sich freuen, wenn es bei mir schlecht läuft und neidisch oder wütend reagieren, wenn ich von einem Erfolg erzähle. Freunde beobachten ja nicht nur und kommentieren mein Leben, sondern sie greifen ja auch ein. Wenn sie aber Schmerzen leiden bei allem, was bei mir gut läuft, werden sie ja das dringende Bedürfnis haben, mir zu schaden, wenn sie die Gelegenheit dazu finden. Das sind dann die Freunde der Kategorie "Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr". Seitdem ich das erkannt habe, vertraue ich nur noch einer Handvoll Leuten, denen ich problemlos alles erzählen kann, ohne dass sie heftig reagieren. Letztlich gibt es leider kaum solche entspannten zwischenmenschlichen Beziehungen. Das liegt, glaube ich, darin, dass es zu viele Menschen gibt, die ihre Fähigkeiten und Bedeutung überschätzen oder nicht nur einfach gut und erfolgreich sein wollen, sondern der Beste und der Erfolgreichste. Laut Zeitgeist erreicht man das nicht durch harte Arbeit, sondern durch reines positives Denken und Selbstbewusstsein. Wenns nicht klappt, dann sind die anderen schuld. Sehr ärgerlich. Fast niemand ist zufrieden mit seinem Leben. OK, ich auch nicht. Aber im Stil von "Im Wesentlichen OK, aber daran will ich noch arbeiten und verbessern." Solange ich noch das Gefühl habe, etwas beeinflussen zu können, gibt es keinen Grund zu Neid. Wenn andere erfolgreicher sind als ich, haben sie (hoffentlich) hart dafür gearbeitet. Vermutlich. Naja, solange ich nichts anderes weiß. Jedenfalls kümmere ich mich um das, was ich ändern kann, den Rest nehme ich seufzend zur Kenntnis.

Aber zurück zu den Medien. Mindestens 80 % aller Publikationen (grob geschätzt) treiben eine Spaltung voran. Sie wecken Neid und Vorurteile, sie stärken das Ohnmachtgefühl der Menschen. Und so ist es kein Wunder, wenn diese, immer wenn sie gemütlich beim Bier zusammen sitzen, die ganze Zeit jammern und hetzen. Sie scheinen dabei regelrecht in ein Hochgefühl zu geraten, das gemeinsam so schön treiben zu können. Wenn ich einwerfe "Aber so schlimm ist es doch gar nicht" oder "Das ist jetzt aber doch ein sehr plumpes Vorurteil, ich kenne ein Gegenbeispiel", störe ich damit die schöne Stammtischatmosphäre. 

Leider muss ich mich selbst auch an die Nase fassen, weil ich mich so intensiv mit dem Geschlechterkampf beschäftige. Die selbst erlebte und existenzbedrohende Ungerechtigkeitserfahrung macht mich natürlich auch wütend. Ich würde da gerne etwas dran ändern, auch wenn ich es nicht kann.

Der Ausweg ist einfach, kriegt aber keiner mehr hin. Man sollte sein eigenes Gehirn schützen und sich nicht unnötig Dokumentationen, Internet-Videos oder Social-Media-Beiträge reinziehen, die hetzen, spalten und das eigene Ohnmachtgefühl stärken. Es gibt auch andere. Beispielsweise neulich eine Dokumentation über Integration mit super sympathischen Schwerbehinderten, die nun einen Job haben, den sie lieben. Da aber bei den meisten dieses Gefühlsgewitter schon Gewohnheit ist, halten sie ihren gewohnt hohen Stresslevel dadurch aufrecht, dass sie schwerpunktmäßig Aufreger anklicken. Das zeigen ja auch die Statistiken der Medien, weswegen sie schlechte Nachrichten lieber bringen als gute. Ihr Geschäftsmodell beruht auf Klickzahlen. Und so befinden sich Medien und Konsumenten in einer Teufelspirale des Skandal-, Neid- und Spaltungsjournalismus

Dabei ist doch dieser Geisteszustand die Ursache von so ziemlich allem Schlechtem auf dieser Welt, außer von Erdbeben und Vulkanausbrüchen. Der Neid fördert die Einsamkeit nicht nur der Neidhammel, die ja leicht Gleichgesinnte finden, mit denen sie gemeinsam neiden können, sondern auch derer, die kaum jemanden finden, dem sie vertrauen können, ohne sich selbst kleiner zu machen als er. Ich kenne fast nur zwei Arten von zwischenmenschlichen Beziehungen. Solche, wo jemand freundlich ist, weil ich einen hohen Status habe und er sich von seiner Freundlichkeit einen Nutzen erwartet. Oder solche, wo die Leute freundlich sind, weil mein niedriger gesellschaftlicher Status und das Fehlen einer festen Anstellung ihnen das wohltuende Gefühl gibt, mir überlegen zu sein. Sobald sich an meinem Status etwas ändert, z. B. wenn ich eine Professorenstelle finde, verschwinden die letzteren aus meinem Leben. Läuft die Stelle aus, dann verliere ich die anderen. Weil ich dann meine Rolle in ihrem Leben nicht mehr erfülle. Also nutzlos werde oder sogar schmerzhaft. Nach dem Motto "Wieso kriegt diese arbeitslose Hausfrau plötzlich eine Professorenstelle?" Tja, weil ich fleißig bin und genau die richtige Qualifikation habe? Selbst wenn die Artikelreviews für wissenschaftliche Zeitschriften nicht bezahlt werden, zählen sie eben doch als Qualifikation. Oder die Vorlesungen. Skandalös schlecht bezahlt, aber hochwertige Tätigkeit.

Aus diesem Neid-Skandal-Spaltung-Stress-Denken entspringen aber auch Verbrechen und Ausbeutung, politische Radikalität, Hass und Diskriminierung, Kriege. Sie zerstören Empathie, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft usw. Dabei könnte diese Welt ein echtes Paradies sein, wenn wir Menschen mehr die Ähnlichkeiten als die Unterschiede sehen würden. Wenn wir einander als Brüder und Schwestern sehen, mitfühlen und helfen wo wir können. Konstruktiv aufbauen, statt zerstören. Mitfühlen statt distanzieren. Hinsehen statt wegsehen. Das wäre ja so cool und würde kaum was kosten. Weil wir mehr Energie ins Aufbauen stecken als ins Randalieren, Stehlen und Zerstören. Dann wäre mehr da für alle. 

Mir ist das schon lange für mich selbst klar. Aber eigentlich sollte daraus eine Weltbewegung werden! Wenn ich als einzige konstruktiv denke, sehe ich aus wie eine Idiotin, die nicht erkannt hat, was es geschlagen hat. Ich sehe das schon. Aber ich sehe auch, wie es sein könnte und sollte! OK, hab eine Besprechung. Muss was Konstruktives tun. :-)

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