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Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann

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Arbeitsmoral

Ich weiß, dass das Folgende den meisten Lesern und Leserinnen seltsam vorkommen wird, weil hier implizite Moralvorstellungen explizit gemacht werden. Die stehen so in keinem Lehrbuch. Das Folgende entspricht aber Erfahrungen, die ich wiederholt gemacht habe. Und genau genommen habe ich nur wenige Erfahrungen gemacht, die dem widersprechen. Erklären lassen sich diese Phänomene sehr gut mit dem Hofstede-Modell der Kultur, das natürlich auch für die Arbeitskultur gilt.

Die in Deutschland gängige Arbeitsmoral zwingt die Menschen dazu, absichtlich schlechte Arbeit zu leisten. Schlechte Arbeit gilt als moralisch gefordert, gute Arbeit gilt als böse. Darum braucht man sich über Ineffizienz, vermeidbare Fehler und Mobbing fleißiger durch faule Kollegen im Berufsleben nicht zu wundern. Die sind wirklich überall. Diese Hochglanzbroschüren-Teams, die mit Freude zusammenarbeiten, um gemeinsam erfolgreich zu sein, und die einander ihre Erfolge gönnen, das kenne ich aus der Leichtathletik-Mannschaft im Sportverein. Dort ist sowieso aus dem Training schon allen ihr messbares Leistungsniveau klar. Wer beim Lauf-Training schon immer die Letzte ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie den Wettkampf nicht gewinnt. Sie freut sich aber mit dem Star der Mannschaft mit, wenn sie es "den anderen" (Vereinen) gezeigt hat. Im Volleyball-Team dagegen hängt der Erfolg des Teams von jedem einzelnen der nur sechs Mitglieder massiv ab. Da herrscht dann ziemlicher Druck, dass man leisten muss. Sonst zieht man die anderen unter ihr Niveau.

Man würde erwarten, dass es im Berufsleben, beispielsweise in einem Software-Entwicklungsteam, genauso zugeht wie im Volleyball-Team. Wenn einer nicht leistet, müssen die anderen das ausgleichen. Das ist nicht kollegial. Diese Denkweise entspricht leider nicht der deutschen Arbeitsmoral. Gar nicht! So als würde kein Team jemals erfolgreich sein wollen. Oft herrscht eher eine Stimmung wie auf der Titanic kurz nachdem sie den Eisberg gerammt hat.

In der Schule wird anscheinend unsere Arbeitsmoral schon geprägt, und dort ist es wie im Leichtathletik-Team: Jeder trainiert und kämpft für sich, nur einer kann der Erste sein und jeder konkurriert darum mit jedem. Wobei ich vermute, dass das amerikanische Notensystem dieses Problem noch verstärkt durch ihr relatives Notensystem: Nur 10 % der Schüler können die beste Note A erzielen. Von 20 Schülern also nur zwei. Bei uns werden die Noten nach absoluter Leistung vergeben, so dass im Prinzip alle Schüler der Klasse eine 1 erzielen könnten, wenn sie alle Matheaufgaben richtig lösen. Trotzdem gibt es Konkurrenzgefühle.

Nach Hofstede ist unsere Kultur ein übles Gemisch aus Faktoren, die Teamgeist verunmöglichen: hochgradiger Individualismus steht Teamgeist und Empathie entgegen, gleichzeitig niedrige Power Distance fordert Gleichheit von allen, abgesehen von den Frauen. Der extrem hohe Masculinity-Index zeigt den Konsens über die Minderwertigkeit der Frau innerhalb einer egalitären Gesellschaft, wo Männer mit Männern gleich sein sollen und Frauen auf einem anderen Niveau mit anderen Frauen gleich sein sollen. Wegen der hohen Uncertainty Avoidance und hohe Longterm Orientation in unserer Kultur besteht man auch auf der Einhaltung solcher Regeln, weil sie dauerhafte Sicherheit versprechen. Nicht ins Bild passt für mich die laut Hofstede hohe Indulgence, die eigentlich Freiheit von Normen und Spaßorientierung gewährt. Aber vielleicht geht es doch mehr um Spaß als um Freiheit (für andere). Kurz und gut: eine fatale Mischung, aus der sich nachfolgend beschriebene Verhalten schlüssig ergibt.

In der Schule gelten unerledigte Hausaufgaben und schlechte Noten unter Schülern nicht nur als normal,  sondern als moralisch verpflichtend. Gerade die schlechtesten Schüler definieren "Wo ich bin, ist oben!" Sie prahlen mit ihren schlechten Leistungen. Wer die schlechteste Note geschrieben hat, gewinnt den Pausen-Wettbewerb. Sie definieren um: Wer Hausaufgaben macht und auf Prüfungen lernt, offenbart damit seinen niedrigen IQ. Denn wer wirklich intelligent ist, braucht nicht zu lernen. Diese Ansicht ist tatsächlich sehr weit verbreitet bis hin zu der Behauptung, dass gute Noten eines Schülers geradezu der Beweis für einen niedrigen IQ seien. Das habe ich sogar bei Mensa schon mehrfach gehört. Ein Schüler mit guten Noten braucht den IQ-Test gar nicht abzulegen, ist sowieso hoffnungslos! Das Ideal besteht darin, nie zu lernen und dann mit Noten zwischen 3 und 4 gerade noch so durchzukommen. Das ist cool. Als Dozentin muss ich sagen: Wegen dem allgemein schlechten Niveau und der niedrigen Arbeitsmoral bezeugt aber eine Dreiernote, dass man quasi fast nichts vom Stoff verstanden hat, sondern nur ein paar Sprüchlein noch auswendig wusste und ein paar Fakten sich sinnvoll spontan zusammengereimt hat. Mehr ist das nicht! Also keine Grundlage für ein Studium und berufliche Exzellenz! Trotzdem gilt dieses Niveau als Ideal. Wer paukt und bessere Noten schreibt, ist nicht nur ein verhasster Streber, sondern gilt auch als unmoralisch. Was habe ich mir schon in der Schule böse Vorwürfe und Forderungen anhören müssen! Man unterstellte, ich würde nur darum lernen und im Unterricht mitmachen, damit die anderen sich schlecht fühlen. Es wurde gefordert, ich solle meine Hausaufgaben nicht mehr machen. Denn wenn ich sie jedes Mal erledige, bekommen die Lehrer den Eindruck, die Menge sei machbar gewesen. Ich erklärte, dass sie machbar seien. Man unterstellte, ich habe keine Hobbies, was auch nicht stimmte. Ich war in verschiedenen Sportmannschaften, spielte täglich Klavier, chillte mit Büchern und der Katze und traf mich mit Freudinnen. Sogar meine Eltern bremsten mich aus und schärften mir ein, ich solle nicht "vorlernen", also Stoff lernen, der erst später dran kommt. Darum beschäftigte ich mich in meiner Freizeit gezielt mit Themen, die nicht Schulstoff sind: Archäologie, Astronomie, Sagen und Fantasy, Psychologie, Spanisch... Das hochbegabte Gehirn benötigt Input! Ein Mal bekam ich so richtig Ärger, weil eine sehr schwere Chemieklausur übel ausging. Die zweitbeste Note war eine 3, der Notendurchschnitt unterirdisch. Aber meine 1,x nahm der Lehrer als Argument dafür, warum die Klausur nicht wiederholt wird. Ich kann mich nicht erinnern, warum ich damals nicht verprügelt wurde. Es war nah dran! Dabei fühlte ich mich unschuldig. Da man anhand des Stoffs schon sehen konnte, dass sie schwieriger als sonst wird, hatte ich einfach doppelt so viel gelernt. Kurz und gut: Als Streber lebt man gefährlich. Die anderen empfinden die guten Noten ihrer Mitschüler nicht nur als bedrohlich, sondern auch als unmoralisch, was ihnen das Recht zum Mobbing gibt. So als würde jemand, der gerne lernt und sich für Mathematik interessiert, und schon während der Schulzeit hoch motiviert ist, sich die Grundlagen fürs Studium anzueignen, das nur tun, um sie zu verletzen. Man könnte das als ein kindliches egozentrisches Weltbild abtun. Und ich hoffte auch immer, dass es während Studium und Berufsleben dann besser würde, weil ich dann mit Erwachsenen zusammenarbeite, die sich ihren Job nach Interesse ausgesucht und hoch motiviert sind. Sie schmunzeln vermutlich. Ja, ich wurde enttäuscht.

Im Studium machte ich angesichts der niedrigen Motivation meiner Komilitonen mal eine Miniumfrage: "Warum studierst Du Physik?" Die Jungs antworteten alle entweder irgendwas mit Geldverdienen oder gaben zu, dass sie sich eigentlich für gar nichts interessieren. Nur die Mädchen gaben als Begründung entweder Interesse oder Begabung an. Sie wollten genau dieses Fach. Den Jungs wars fast allen egal, worum es inhaltlich geht. Das Gute im Studium ist, dass man sich sein Umfeld aussuchen kann in einem Semester mit 100 Studierenden. Ich fand für mich also zwei hochmotivierte Grüppchen von Strebern, mit denen ich zusammen die Vorlesungen besuchte und zusammen lernte. Während des Ingenieurstudiums fiel mir das schwerer, Gleichgesinnte zu finden. 

Die Doktorarbeit war der coolste Job, weil am Max-Planck-Institut die Doktoranden fast alle freiwillig und mit Leidenschaft da waren. Klar, sonst würde niemand für einen halben Öffentlicher-Dienst-Gehalt jahrelang an einer wissenschaftlichen Studie basteln, obwohl er woanders für einfachere Arbeit mehr als das Doppelte verdienen kann. Auch noch cool war ein Job in einem Startup. Alle auch hochmotiviert und man half sich gegenseitig.

Ansonsten holte mich im Berufsleben die Arbeitsmoral der Schulzeit wieder ein: Die Faulen führen das große Wort und sagen "Wo ich bin, ist oben. Wer hart arbeitet, der hat einfach nur Minderwertigkeitskomplexe. Wer selbstbewusst ist, verweigert die Arbeit und schadet dem Arbeitgeber." Gleichzeitig fühlten sie sich angegriffen durch Erfolge der anderen. Erschwerend kam für mich noch hinzu, dass ich von meiner Hochbegabung nichts wusste. Hatte ich doch mein Leben lang gehört, dass mein Lernen und die guten Noten meinen niedrigen IQ beweisen. Ich ging also davon aus, dass die Kollegen alle meine Fragen beantworten können und überstrapazierte sie damit. Ich dachte auch, dass alle absichtlich langsam und schlecht arbeiten. Aber einige von ihnen hätten es wohl auch nicht besser gekonnt, wenn sie sich bemüht hätten. Wer in Schule und Studium schon die harte Arbeit verweigert hat, die man benötigt, um seinen Beruf zu lernen, der holt das nicht mehr auf. Stattdessen wird dann die fleißige Kollegin unter Druck gesetzt, langsamer und schlechter zu arbeiten. Teilweise wurde meine Arbeit auch sabotiert, indem man mir falsche Informationen zuspielte. Meine hohe Motivation wurde als Rücksichtlosigkeit oder was auch immer negativ fehlinterpretiert.

Kurz und gut: In einer Welt, wo schlechte Arbeit Trumpf ist und moralisch gefordert, kann man mit Fleiß und Begabung nur anecken. Unzählige Male musste ich mir Vorträge darüber anhören, waurm ich langsamer arbeiten müsse. Ich setze mich mit meiner harten Arbeit über Menschen, die mehr wert sind als ich und die wegen gesundheitlicher oder persönlicher Probleme eben nicht so viele Stunden oder so konzentriert arbeiten können wie ich. Das wird im Team als rücksichtslos empfunden. 

Zur Egalitätsverpflichtung kommt leider noch die Gender-Verpflichtung dazu, dass ich als Frau immer minderwertiger bin als jeder Mann. Ein Aha-Erlebnis war mal eine Situation, als ein Kollege einen schweren Fehler machte. Aus Angst, deswegen seinen Job zu verlieren, schob er die Schuld auf mich und der Chef glaubte es ihm. Ich verteidigte mich und versuchte zu belegen, dass nicht ich diesen Fehler gemacht hatte. Grundsätzlich empfinden aber Kollegen und Chef es immer als moralisch geboten, dass wenn schon jemand seinen Job verlieren muss, ich das sein müsse. Die Männer müssen schließlich eine Familie ernähren und Karriere machen. Eine Kündigung könnte sie beschädigen. Ich als Frau arbeite per Definition nur zum Spaß, weil ich ja jederzeit heiraten und Hausfrau werden kann. Das wurde mir mehrfach so gesagt, als ich mich gegen Mobbing wehrte. Als ich abends völlig entsetzt einer Freundin von der Geschichte erzählte, erklärte sie mir ganz im Ernst, sie fände mein Verhalten hochgradig unmoralisch. Ich würde die Schuld für einen Fehler auf einen Kollegen abschieben und somit riskieren, dass ein Familienvater arbeitslos wird. Ich wusste nicht, ob dieser Kollege, mit dem ich normalerweise nicht viel zu tun hatte, überhaupt Kinder hatte, aber jeder geht automatisch davon aus, dass ein Mann ein Familienvater und sein Gehalt darum heilig sei. Ich fragte nach, ob sie mir weis machen wolle, dass ich die Schuld für seinen Fehler auf mich nehmen müsse, obwohl mich das den Job kosten könne. Sie bejahte das. "Ich soll mich also für ihn aufopfern?" Sie bejahte erneut. Sie war sich ganz sicher. Ich muss mich opfern, damit ein männlicher Kollege seinen Job behalten kann. Als Frau muss ich auch immer bescheiden sein, darf die Männer nur unterstützen, aber nicht überflügeln. Das ist moralische Pflicht!

Das ist also die deutsche Arbeitsmoral. Daraus folgen für mich drei Schlussfolgerungen:

- Ich bin froh, dass mich ich als Selbständige nicht ausbremsen muss. Ich las mal ein Zitat von einer Künstlerin, die sagte: "Ich will möglichst viel arbeiten, um zu zeigen, was in mir steckt." Ich lächelte. Das könnte von mir sein. Für mich ist Arbeit ein Sport, Erfüllung, Mission, persönliche Weiterentwicklung. Mit dieser Arbeitseinstellung kann man nur freiberuflich arbeiten. Im normalen Arbeitssumpf kann man damit nur untergehen, weil das eh keiner versteht, sondern immer nur böse Absichten hinein interpretiert. 

- Leider blieb die Erziehung zur schlechten Arbeit nicht ganz wirkungslos. Beispielsweise 100 Projekte parallel zu bearbeiten ist ein Trick, mit dem ich Langsamkeit vortäuschen kann. Mit Schlafmangel kann ich sogar provozieren, dass ich Fehler mache. Nach 30 Jahren Berufserfahrung ist es schwierig, sich noch umzugewöhnen, aber ich arbeite dran. Ich schließe momentan mehr Projekte ab, als ich neu beginne. Wichtig ist auch, dass niemand weiß, was und wie viel ich wirklich leiste und arbeite und auch schon geleistet habe. Wenn ich mich wo vorstelle, muss ich Titel, Leistungen und Erfahrungen weglassen, weil sie mir nicht geglaubt werden können. Die Erziehung zur schlechten Arbeit hat nachhaltig gewirkt. :-(

- Ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber, warum im Berufsleben und besonders in der Softwareentwicklung so vieles schief geht bei dieser Arbeitsmoral! Man muss sich eher wundern, wie überhaupt noch funktionierende Software erstellt werden kann. Aber die agile Entwicklung mit ihrem Mikromanagement und Gruppendruck ist natürlich genau für diese Arbeitsmoral maßgeschneidert. Man wird ständig überwacht und muss täglich liefern. 

So, und jetzt noch etwas produzieren, bevor die Telefonkonferenzen beginnen...

 

 

 

 

 

 

 

 

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