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Neues zum Gehirn-Maschine-Interface

Grundsätzlich freue ich mich ja, wenn ein Gelähmter mit Hilfe von Roboterarmen wieder alles mögliche tun kann, indem er seine Prothesen über das Gehirn steuert (zum Artikel hier). Besser Roboterarme als gar keine!

Nur wirft diese technische Innovation verschiedene Fragen auf:

Im Prinzip könnte man mit dieser Technologie jetzt beliebig Cyborgs herstellen, die mehr oder weniger viele menschliche Anteile haben. Menschen mit künstlichem Arm oder Bein, aber auch Ganzkörper-Roboter mit menschlichem Gehirn.

Statt einem lebensechten Arm könnte man dem Mann auch Scherenhände anschrauben. Oder einem Cyborgsoldaten Waffen implantieren. Man könnte Spiderman zum Leben erwecken. Menschen mit Sprungfedern im Sprunggelenk, die unnormal hoch springen können.

Wenn unser Gehirn nichts anderes ist als eine zentrale elektronische Steuereinheit, die unsere Gliedmaßen über elektrische Impulse steuert ... Was ist dann ein Bewusstsein? "Cogito, ergo sum", habe ich mal gelernt. Ich denke, also bin ich. Aber wenn die KI denkt, dann ist sie auch? Ist das schon Bewusssein? Was war das nochmal, das uns von der Maschine unterscheidet? Oder die Maschine von uns? Oder ist unser Gehirn das einzige, was momentan noch nicht nachgebaut werden kann?

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Fachbereichsleiterin Software Engineering

Seit Neuestem bin ich beim BISG Fachbereichsleiterin Software Engineering:

Fachbereich Software Engineering

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Willkommen in der Realität?

"Wie eine ganz große Melancholie, die sich während der Pandemie über meine Generation gelegt hat, fühlt sich das an. Und die lässt sich auch leicht erklären: Unser Studienstart war schon überhaupt nicht so, wie wir ihn uns vorgestellt und erträumt haben - und jetzt mit der Klimakrise und dem Krieg in der Ukraine können wir mit ziemlicher Gewissheit davon ausgehen, dass nichts in unserem Leben so wird, wie es uns als kleinen Kindern mal versprochen wurde..."

Studierender Max, FU Berlin, auf die Frage, wie er den Start ins neue Semester erlebt, das wieder in Präsenz stattfindet; zitiert nach Der Tagesspiegel vom 2. Mai 2022

Naja, willkommen in der Realität. Ich weiß ja nicht, wer hier welche Art von Versprechungen gemacht hat. Aber die Klimakrise gibt es nicht erst seit gestern. Und Kriege auch nicht. Die hatte Max bisher im Kinderzimmer wohl noch nicht mitbekommen.

Andererseits: Manche Umweltprobleme wurden schon gelöst (die kleineren), jeder Krieg geht irgendwann zu Ende. Und ich glaube immer noch nicht, dass irgendjemand irgendetwas hat legitim versprechen können. Die jungen Leute denken nur immer, sie hätten ein Recht auf irgendetwas, was frühere Generationen auch nicht hatten.

Das Leben ist voll Ungewissheiten, Katastrophen und Rückschlägen. Mit zunehmendem Alter wird man bescheidener...

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Warum wird ständig gegen gute Arbeit gehetzt?

Neulich, das war nun doch ein Spielfilm zu viel, in dem das Arbeiten als unmoralisch bezeichnet wird. Und heute Morgen stolpere ich wieder über einen Online-Artikel, der an uns appelliert, uns vom Perfektionismus zu verabschieden. Das ist ja wie in der Schule, als Fünferschreiben als cool galt und Leute, die ihre Hausaufgaben machen, als Schleimer und Idioten. Und wer gute Noten schreibt, ist als Streber sowieso ein Individuum schlechten Charakters. So als sei es vollständig undenkbar, dass jemand Freude an Leistung und persönlicher Weiterentwicklung hat, sondern nur Konkurrenz oder eine psychische Störung als Motivation für Leistung in Frage käme. Schon in der Schule wurde dem Leister alles mögliche unterstellt: Neurosen, Autismus, das Mangel an Hobbies oder eine krankhafte Aggressivität so als würde man nur gute Noten schreiben, damit die anderen sich schlecht fühlen. Die Botschaft war klar: Mach deine Hausaufgaben nicht, oder wir verprügeln dich zur Strafe im Pausenhof. Schließlich gibt der Lehrer nur darum so viele Hausaufgaben auf, weil gewisse Individuen sie ständig machen. Und die Klausuren sind nur darum so schwer, weil gewisse Leute Einser schreiben. Ich war damals ganz wild darauf, endlich mit der Schule fertig zu werden und unter Leute zu kommen, die sich ihr Studienfach und ihren Beruf frei gewählt haben und das mit Begeisterung machen. Nur leider übersah ich dabei, dass die Berufstätigen sich aus derselben Gruppe rekrutieren, mit der ich zur Schule ging. Das Fernsehen vermittelt wie so oft einen falschen Eindruck von der Realität. Auch hier herrscht Publication Bias: Über ihren Beruf interviewt werden immer nur diejenigen, die Außergewöhnliches leisten, weil sie lieben, was sie tun. Arbeitsscheue tauchen nur in humoristischen Sendungen auf. Das Gros der Berufstätigen ist genauso wenig motiviert wie meine Mitschüler*innen und Mitstudierenden. Da im Berufsleben der Sponsor doch auch mal Leistung für den nicht unerheblichen Gehalt sehen möchte, geraten gewisse Leute im Berufsleben unter Druck. Denn wer in der Schule seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und im Studium auch nicht, der hat zwar damals Zeit gespart, aber sich nicht die Fähigkeiten angeeignet, die er oder sie nun im Berufsleben brauchen würde. Tatsächlich hat nämlich der Bildungsmarathon wirklich und wahrhaftig aufs Berufsleben vorbereitet und wer sich um alles gedrückt hat, der ist nun eben nicht vorbereitet. Noch ein Grund, die blöden Streber zu hassen, denen die Arbeit nach wie vor leicht von der Hand geht.
Für mich ist Arbeiten schon immer positiv besetzt gewesen: Wenn ich arbeite, tue ich etwas Sinnvolles. Entweder entwickle ich mich selbst weiter, ich erzeuge ein für andere nützliches Ergebnis, ich unterstütze als Dozentin andere dabei, ebenfalls zu wachsen. Als Forscherin helfe ich mit, das Wissen der Menschheit zu erweitern. Das ist doch sehr schön. Das macht viel mehr Sinn, als sich durch irgendwelche Tricks einen freien Fernsehtag zu erschwindeln.
Leider werden in Film, Fernsehen und dem Rest der Kunst gerne faule Menschen gefeiert und fleißige Menschen diskreditiert. In vielen Filmen ist eine wiederkehrende böse Figur der Vater, der es nicht schafft, am hellen Nachmittag unter der Woche an irgendeiner Sportveranstaltung von Sohn oder Tochter teilzunehmen. Warum legen die Schulen so etwas überhaupt in die Arbeitszeit normaler Menschen? Warum wird Arbeiten überhaupt immer als etwas so Negatives gesehen, durch das die Familie beschädigt und anderen etwas weggenommen wird? Es zählt doch nicht nur, wie viel Zeit man miteinander verbringt, sondern vor allem die Qualität. Wenn der arbeitslose Vater den ganzen Tag nur fern sieht und an den Familienmitgliedern herumnörgelt, ist das auch nicht schöner als ein Vater, der abends spät nach Hause kommt und nur das Wochenende mit der Familie verbringt. Und warum braucht die gelangweilte Hausfrau ständig einen Mann, der ihr Bilder aufhängt oder Milch aus dem Supermarkt holt? Ist sie nicht schon erwachsen?
Wenn ich Leuten von meiner Arbeit erzähle, weckt es das eine Menge Widerstand. Ich bekomme jede Menge Argumente zu hören, warum ich meine Arbeit bleiben lassen sollte: "Vom Arbeiten wird man krank. Das kannst Du doch morgen auch noch machen. Bücherschreiben bringt zu wenig Geld ein. Das ist gar keine richtige Arbeit. Sowas können Frauen doch gar nicht. Ich hab das noch nie gemacht, also brauchst Du das auch nicht. Du willst wohl was Besonderes sein oder wie? Arbeiten hält Dich von den Menschen fern."
Grundsätzlich gilt Fleiß ein Zeichen einer persönlichen Schwäche: Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen, die weniger leistungswillig/- fähig sind, Geldgier, Perfektionismus, schlechtes Zeitmanagement. Oft wird harte Arbeit auch als Symptom einer schweren psychischen Störung interpretiert. Da werden massive Geschütze aufgefahren, um zu signalisieren: "Sei faul und erfolglos, sonst wollen wir nichts mit dir zu tun haben." Wie in der Schule. Soziale Isolation ist gleich nach der Todesstrafe die nächstschlimme. Bloß fehlt mir irgendwie die Zuversicht, dass man mich automatisch für Faulheit und fehlerhafte Arbeit lieben würde.

Bei so einer Arbeitseinstellung in der Gesellschaft wundert man sich, dass in Deutschland überhaupt noch irgendetwas produziert wird. Es muss doch enorm viel kriminelle Energie kosten, sich vor der Arbeit zu drücken. Stell ich mir so vor... Am besten fährt man jedoch, indem man sich einfach dumm stellt. Das ist nach meiner Beobachtung die sicherste Methode, um sich Arbeit vom Leib zu halten.
 

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Wo sind sie denn alle?

Wäre die Pandemie nach vier Wochen Lockdown vorbei gewesen, hätten wir anschließend weitergemacht wie zuvor. Da ich mit meinem Leben "von vorher" zufrieden war, versuche ich jetzt, mein altes Leben zu rekonstruieren.
Allerdings fehlt es jetzt am Personal! Stammtische kriegen wir nicht mehr in alter Besetzung zusammen. Gestern Abend waren wir nur zu zweit. Wo ist der Rest des Dutzends verblieben?
Aber auch bei Konferenzen müssen wir mal sehen. Ich habe festgestellt, dass ich die Zeit, die ich früher auf Konferenzen und Vereinstreffen verbracht habe, inzwischen anderweitig verplant habe. Es wird jetzt wirklich schwierig, sich noch zwei Tage am Stück freizuschaufeln für so eine Veranstaltung.

Nun frage ich mich nur, wo die anderen alle sind: Bei Netflix? In den Wäldern? In der virtuellen Welt? Beim Brotbacken? Oder einfach bei einem anderen Stammtisch?
 

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Aufruf zur Teilnahme: GI-Fachgruppen-Treffen Requirements Engineering am 30.06.–01.07.2022 in Stuttgart

Aufruf zur Teilnahme: GI-Fachgruppen-Treffen Requirements Engineering am 30.06.–01.07.2022 in Stuttgart

Ort: AKAD-Hochschule, Heilbronner Straße 86, 70191 Stuttgart


DIE VERANSTALTUNG:
Traditionsgemäß ist das Fachgruppentreffen ein Forum für Diskussionen und den Erfahrungsaustausch unter den Mitgliedern der Fachgruppe. Gäste sind herzlich willkommen. Neben der Präsentation der Ergebnisse der Arbeitskreise der Fachgruppe RE und der Diskussion von neuen Aktivitäten sollen wie immer Vorträge aktuelle Aspekte und Themen des RE aus industrieller und auch wissenschaftlicher Sicht beleuchten. Dazu gehören insbesondere auch Ergebnisse laufender Dissertationen.

AGENDA:
Unser diesjähriger Schwerpunkt lautet:
„Aus- und Fortbildung für das Requirements Engineering“.
Das Programm der Veranstaltung finden Sie unter
https://fg-re.gi.de/veranstaltung/treffen-2022

Neben dem fachlich/inhaltlichen Programm, das den Großteil der Veranstaltung ausmacht, wird im Rahmen der Fachgruppen-Interna unter anderem die Fachgruppenleitung neu gewählt. Nähere Informationen hierzu erhalten die Mitglieder der Fachgruppe in den nächsten Tagen noch separat.
Es ist geplant, dass auf dem Treffen der neue Arbeitskreis "RE und KI" gegründet wird.

ANMELDUNG
Die Teilnahme ist kostenlos.
Anmelden können Sie sich per E-Mail bei Andrea Herrmann unter AH_Science@gmx.de. Teilen Sie für die Planung bitte mit, wo Sie dabei sein werden:
Warm-up am Donnerstagvormittag
Mittagessen Donnerstag
Vorträge Donnerstag
Abendessen Donnerstag
Vorträge Freitag
Mittagessen Freitag

 

 

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Luisa: Ich bin keine Studentin

Christine bekam kaum noch Luft vor Lachen. Beinahe hätte sie sich ihren Teller in den Schoß gekippt, so sehr verlor sie die Kontrolle über ihre Körperhaltung „Sei doch froh! Da interessiert sich endlich mal ein Mann für dich, und dann ist es auch nicht recht!“
„Aber er interessiert sich doch nicht für mich. Wenn er wüsste, wer ich bin, würde er schreiend davonlaufen!“
„Er meint sehr wohl dein hübsches Gesicht und deine gute Figur. Also, ich finde, es ist ein Kompliment, dass er dich für eine Studentin hält. Ich wäre glücklich, wenn ein Mann mich für über zehn Jahre jünger halten würde als ich bin. Genau dafür benutzen wir Frauen doch diese Cremes und so.“
„Ich nicht. Ich lege keinen Wert darauf, für eine Studentin und somit für dümmer gehalten zu werden als ich bin. Früher oder später wird er doch dahinter kommen, dass er sich getäuscht hat. Ich muss das Missverständnis bald aufklären, nur war hier in der Kantine keine gute Gelegenheit, vor all den Leuten.“
„Ach, genieße es einfach, so lange es geht.“
„Nein, das werde ich nicht tun. Ich kläre ihn auf, sobald ich ihn das nächste Mal sehe.“ Damit stand Luisa vom Tisch auf und ging in ihre Kabine zurück. Warum verstand Christine ihr Problem nicht? Wie stellte sie sich das vor? Ich gebe mich als Studentin aus, nur damit so ein
junger Bursche mich süß findet und dann was? One Night Stand und Peinlichkeiten hinterher?

Der Junge sah ja ganz gut aus, aber Luisa hatte kein Interesse an unverbindlichem Sex oder irgendwelchen Flirtspielchen. Außerdem wollte sie sich nicht ausmalen, was passierte, wenn er sie nochmal in der Öffentlichkeit so behandelte. Wer würde sie dann noch ernst nehmen?


Zum ersten Mal waren sie einander gestern begegnet, als Luisa von der Theaterprobe zurückkehrte, noch im Kostüm. Für dieses historische Stück trug sie ein eng tailliertes, geblümtes Sommerkleidchen mit zierlichen Sandalen aus dem Fundus, ihre Haare waren als Zopf rund um den Kopf gewunden. Und geschminkt war sie mit allem: dicke Creme, falsche Wimpern, buntschillerndee Augenlider, roter Lippenstift und jede Menge Baumelschmuck. Es war die Generalprobe gewesen, da musste alles stimmen. Jetzt war sie dringend darauf erpicht, die Verkleidung los zu werden und eilte den Gang entlang. In Gedanken noch bei ihrem
Text, bog sie etwas zu flott um die Kurve und stieß mit dem Jungen zusammen, vielleicht Mitte oder Ende zwanzig. Ein Wachsoldat in Uniform.
„Oh, Entschuldigung“, sagte sie und wollte sich aus seinen Armen befreien. Sie hatte ein wenig das Gleichgewicht verloren und er die Gelegenheit genutzt, um sie „aufzufangen“ und an seine Brust zu drücken.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte er und machte keine Anstalten, sie aus seiner Umklammerung zu entlassen. Instinktiv wollte sie ihm zwischen die Beine treten und ihm gleichzeitig den Ellenbogen ins Gesicht rammen, hob sich das aber für später auf.
„Würden Sie mich bitte loslassen?“, fragte sie mit unterdrückter Wut in der Stimme, die er nicht wahrzunehmen schien.
„Ungern“, flirtete er, ließ sie aber los und sie wich einen Schritt zurück.
Anerkennend betrachtete er Luisa von unten nach oben und stieß einen Pfiff aus.
Wieder bekam sie Lust, ihm eine zu schmieren. Was fiel dem ein?
„Passagierin?“, fragte er.
„Nein, ich...“
„Dachte ich mir. Und das Klemmbrett? Sie sind Studentin, richtig? Sehen ja auch so klug aus.“
„Nein, ich bin...“
„Kein Problem, ich mag kluge Frauen. Wollen Sie nicht mit mir etwas trinken gehen...?“
„Nein, ich will nach Hause.“
„Ich begleite Sie.“
„Bin weder Fräulein noch schön, kann ungeleit nach Hause gehn“, zitierte ich. Offensichtlich erkannte er den Satz aus dem Goetheschen Faust nicht.
„Dichterin? Du studierst also Literatur? Vielleicht kann ich dir ein paar Tipps geben, ich habe früher gerne gelesen.“
Ja, aber nicht den Faust. „Auf dem Klemmbrett klemmt meine Rolle in einem Theaterstück namens ‚Verzauberter April‘“, erklärte sie.
„Schauspielerin!“, rief er entzückt.

Nur in der Freizeit.“
„Verstehe. Und du studierst Drehbuchschreiben?“
„Ich bin keine Studentin, sondern...“
„Naja, egal, wohin darf ich dich denn bringen? Und vielleicht lädst du mich noch auf einen Tee in deine Stube ein?“ Damit nahm er ihren Arm, um sie zu führen.
Sie schüttelte ihn unwirsch ab und war nun entschlossen, den aufdringlichen Kerl kampfunfähig zu machen. Er wurde aber durch eine Durchsage gerettet, die Roger an seinen Platz beorderte. „Das ist mein
Name“, erklärte er grinsend. „Aber für ein schönes Mädchen riskiere ich gerne eine Rüge.“
„Ich schulde Ihnen nichts. Ich habe nicht um dieses Gespräch gebeten.“
Er lachte schallend. „Ich mag deinen Humor. Kann dich aber leider nicht begleiten, sondern muss auf meinen Posten.“
„Sehr gut, ich wollte sowieso alleine gehen.“
„Sag mir trotzdem deine Kabinennummer.“
Sie nannte ihm die eines Kollegen, der doppelt so viel Kampfgewicht hatte wie dieser schlacksige Hänfling und machte sich aus dem Staub.


Wie der blöde Zufall es wollte, traf sie ihren Verehrer Roger tags darauf in der Kantine. Dieses Mal trug sie ihren üblichen Overall.
„Ah, neue Rolle?“, fragte er und beugte sich so plötzlich über ihren Tisch, dass sie zusammen schrak und die Gabel fallen ließ.
Er lachte sadistisch darüber. „Freut mich auch, dich zu sehen. Du hast dich übrigens geirrt mit der Kabinennummer. Das war doch eine Nummer im Mannschaftstrakt.“
„Sie denken doch nicht, dass ich Ihnen sage, wo ich wohne?“
„Wenn du täglich frische Blumen willst, solltest du das aber tun.“
„Stecken Sie sich ihre Blumen sonst wo hin...“ Seine zwei Freunde, die rechts und links neben ihm standen, lachten.
Da fragte er ungerührt: „Willst du mich nicht deiner Freundin vorstellen?“
„Christine, das ist Roger.“
„Ich habe sie gestern gerettet, als sie zu stürzen drohte.“
„Falsch, er hat mich fast zu Fall gebracht und dann unangemessen lange festgehalten.“ Seine Freunde grölten fröhlich.
Glücklicherweise war an ihrem Tisch kein Platz mehr frei. Aber er fragte: „Möchten die beiden Hübschen nicht zu uns sitzen?“
„Nö, wir sind fast fertig“, erklärte Luisa.

„Prima, dann kommt doch auf einen Nachtisch rüber. Wir sitzen meistens dort hinten.“ Er deutete auf den Bereich, wo sich üblicherweise die Soldaten sammelten.
„Sag mal“, fiel ihm dann auf, „warum bist du eigentlich nicht im Speisesaal für die Passagiere?“
„Weil ich kein Passagier bin.“
„Passagierin“, verbesserte er sie. „Du flirtest wohl gerne mit dem Personal?“
Er zwinkerte Christine an, die die Uniform der Zimmermädchen trug. „Oder ist sie auch eine Schauspielerin und trägt Kostüm?“
„Aber sicher doch“, sagte Christine. „Seh ich so aus als würde ich Toiletten schrubben?“
„Natürlich nicht. Und nun macht ihr beiden Hübschen hier Sozialstudien für eure Rolle? Kommt doch mal zu mir, wenn ich Freischicht habe. Ich kann euch einiges über das gemeine Volk erzählen. Mit Zimmermädchen kenn ich mich aus, falls ihr versteht, was ich meine?“
„Das ist unbedingt eine Empfehlung“, erwiderte Christiane in gespielt snobistischem Ton.
„Na, also dann!“ Er klopfte zwei Mal mit den Knöcheln auf unseren Tisch. „Die Natur ruft, der Magen knurrt. Wir sehen uns! So groß ist das Raumschiff ja auch wieder nicht.“
Er war noch in Hörweite, als luisa zu Christine sagte: „Leider nicht.“
Da lachte sie schallend und verstand gar nicht, worin Luisas Problem lag. Über die Schwierigkeiten der anderen ist immer gut lachen.


Als Luisa dem jungen Mann das nächste Mal begegnete, hatte er wohl gerade frei und saß in blauen Jeans und weißem T-Shirt in der Kantine und aß zu Abend. Alleine dieses Mal. Sie setzte sich ihm gegenüber.
„Oh“, sagte er erfreut. „Heute nicht so unnahbar? Genug vom Rumzicken? Wir sind jetzt alte Bekannte, nicht wahr?“
„Ich muss da was aufklären.“
„Ich bin schon aufgeklärt. Das haben die Zimmermädchen gemacht, haha“, witzelte er.
„Können Sie auch mal einen Moment lang ernst sein?“
„Wozu?“
Ich seufzte. „Weil das wirklich anstrengend ist, dieses Herumalbern, während ich versuche, wichtige Informationen zu übermitteln und aus allem, was ich sage, ein Witz wird.“
„OK?“, machte er. „Du stehst also auf seriöse Typen?“
„Darum geht es doch gar nicht. Ich muss Ihnen nur sagen...“
„Schwanger bist du aber noch nicht von mir, haha.“
„Lass mich endlich ausreden, verdammt!“, knurrte sie wütend.
Das wirkte. Er hielt die Klappe.

Sie erklärte ihm: „Ihnen ist nicht so ganz klar, mit wem Sie reden. Ich bin Luisa de Fuentes und bin hier an Bord die Sicherheitsingenieurin.“
„Tse“, lachte er kurz auf. „Das ist ein Scherz, oder? Du studierst doch Theater, hast du gesagt.“
„Von Studium habe ich nicht gesagt. Ich spiele hier in der Laiengruppe der Mannschaft. Wir bereiten eine Aufführung fürs Bordfest vor: ‚Verzauberter April‘. Steht so im Programm. Dort finden Sie auch meinen Namen.“
„Ach.“ Prima, er war sprachlos.
„Alles klar?“, fragte sie. „Ich bin 35 und habe den Rang eines Offiziers hier an Bord.“
„Scheiße.“ Ganz leise murmelte er: „Arrogante Kuh!“
Sie fragte lieber nicht nach, was er schlimmer fand – dass er eine alte Frau angebaggert hatte oder dass sie als Offizier über ihm stand. Oder einfach nur, dass sie das so brutal sagte.
„Scheiße“, wiederholte er. OK, er hatte die Information tatsächlich verstanden.
„Nichts für ungut“, sagte sie. „Vergessen wir einfach das alles. Grüßen können wir uns ja, sind ja alte Bekannte. Christine meint, Sie hätten mir mit Ihrem Interesse ein Kompliment gemacht, ich müsse das positiv sehen.“
„Puh“, schnaufte er. „Was soll daran jetzt positiv sein? Das ist voll scheiße peinlich! Sie hätten ja auch früher was sagen können!“
„Hab ich doch versuhucht!“
„Ich hab nix gehört, blöde Kuh.“
„Ach, kann ja mal passieren. Davon können wir noch unseren Enkeln erzählen und uns kaputtlachen.“
„Ja, sehr lustig“, sagte er. Als sie aufstand und ihn verließ, starrte er wie vom Holzhammer getroffen auf die Tischplatte vor sich. Aber dann hob er doch den Kopf und fragte: „Und warum flirtest du dann erst mit mir? Was sollte der Scheiß?“
„Ich habe nicht geflirtet! Ich wollte nicht von Ihnen angefasst werden, ich wollte nicht nach Hause begleitet werden, ich wollte Ihnen nicht meine Kabinennummer sagen, nicht mit Ihnen zu Mittag essen und überhaupt wollte ich gar nichts von Ihnen und habe das immer klar gemacht!“
„Nein, das stimmt nicht! Ihr Frauen zickt doch immer rum, du hast mit mir gespielt!“
„Bürschchen“, sagte ich und jetzt war ich es, die sich über seinen Tisch beugte: „Ich habe mindestens zwei Dutzend mal ‚nein‘ gesagt. Ich weiß, dass ihr Männer für sowas kein Ohr habt. Vergessen wir das einfach. Dein Verhalten war vollständig normal und OK für einen Mann. Aber meines war auch OK! Ich habe es dir so bald wie möglich gesagt, alles klar?“

 

Leider war das Raumschiff tatsächlich recht klein, man traf sich immer wieder. Roger hat seinen Schrecken niemals überwunden. Wann auch immer sie einander über den Weg liefen, drehte er sich um und nahm die andere Richtung, ignorierte Luisa so auffällig, dass alle sie fragend anblickten. Mag sein, dass ihm sein Benehmen ihr gegenüber nun peinlich war. Aber auf alle Beobachter musste es so wirken als habe ich ihm etwas Schlimmes angetan. Als habe sie sich eines Fehlers schuldig gemacht. Nicht gut in der Machogesellschaft, wo grundsätzlich immer der Mann Recht hat und der Fehler bei der Frau liegt. Sie hatte es schon schwer genug.
Christine meinte, das hätte sie jetzt von ihrer Zickigkeit. Aber was wäre passiert, wenn sie mit ihm in die Koje gegangen wäre? Besser hätte das nicht geendet. Dann würde er jetzt Witze über ihre Muttermale oder Narben reißen oder was auch immer.

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Luisa: Was bisher geschah

Was bisher geschah. Luisa wurde beim Militär zur Sicherheitsingenieurin ausgebildet. Allerdings eskalierte das Mobbing und wurde lebensgefährlich. Sie musterte also an einem Weltraumhafen aus, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte. Nach ein paar Monaten fand
sie einen neuen Job als Sicherheitsingenieurin auf einem zivilen Passagierkreuzer, dessen Sicherheitsingenieur sich angeblich durch Unachtsamkeit selbst in die Luft gejagt hatte. Ohne Sicherheitsingenieur darf so ein großer Dampfer aber nicht fahren. Auch wenn ihr das
schäbige Schiff und der schmuddelige Kapitän zutiefst suspekt waren, blieb ihr kaum eine Alternative und so heuerte sie dort an. Mit der Sicherheit hat man es dort leider nicht so. Eines Tages explodiert ihr auch irgendetwas in ihrem Labor und zerstört einen Teil ihrer Ausrüstung. Sie selbst kommt durch einen glücklichen Zufall mit ein paar Schrammen davon. Sie ist sicher, dass jemand ihre Chemikalien manipuliert hat, aber der Fall wird von der Bordpolizei nicht weiterverfolgt. Zum Glück telefoniert sie regelmäßig noch mit ihrem Ausbilder Landwehr, ein recht trockener Typ, dessen sachliche Art ihr jedoch hilft, ihre Panik zu kontrollieren. Zwei Jahre muss sie auf diesem Chaosschiff noch durchhalten, bis sie zur Erde zurückkehren. So lange muss sie versuchen, am Leben zu bleiben und das Schiff immer wieder an den richtigen Stellen zu flicken, und das obwohl es an Werkzeug und Material
fehlt. Naja, Landwehr meint dazu: „Sie haben doch bei mir gelernt, was man aus einem Dessertlöffel alles machen kann!“
Die früheren Geschichten konnte ich retten, als mein alter Blog zusammen mit dem kostenlosen Anbieter unterging. Ich erwähne das für den Fall, dass ein Verlag Interesse hätte. :-)
Wir machen hier jetzt einfach weiter. Das Prinzip der Geschichten besteht darin, Schwänke aus dem echten Leben zu literarischen Szenen zu verarbeiten.

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Informatica Feminale BW 2022

Am 02.-06.08.2022 findet die Informatica Feminale in Freiburg statt. Das Programm und die Anmeldung finden Sie nun auf der Webseite. Ich selbst bin dieses Mal mit einem Vortrag über Diskriminierung mit dabei (siehe unter Rahmenprogramm der letzte Eintrag).

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Die Realität hat keine Pausetaste

Neulich las ich über Studenten, die bisher ihre Vorlesungen zwei Jahre lang als Video geliefert bekamen und nun zum ersten Mal ihre Vorlesungen im Real Life besuchen. Sie waren irritiert davon, dass sie nun nicht mehr an schwierigen Stellen die Pausetaste drücken oder gar zurück spulen können. Einerseits könnte man nun sagen: "Tja, ihr jungen Leute, so ist das nunmal. Uns ging es auch nicht besser." Ich habe als Studentin gewitzelt, dass wenn ich bei der 90-minütigen Mathevorlesung bis zur Minute 45 noch alles verstanden hatte, dann war es ein guter Tag. Ich machte mir einen Spaß daraus zu stoppen, bis wann ich die Vorlesung noch verstand und ab welcher Minute ich nur noch mitschrieb, um mir die Inhalte hinterher zu Gemüte zu führen und nachzuarbeiten. Andererseits sollte man sich fragen, ob es nötig ist, die Vorlesungsinhalte im Galopp durchzupeitschen in einer Geschwindigkeit, wo auch aufmerksame und gute Studierende sie nicht 90 Minuten lang vollständig verstehen können. Das ist nicht das, was wir im Hochschuldidaktik-Kurs gelernt haben! Im Prinzip muss man davon ausgehen, dass nach 20 Minuten Zuhören die Konzentration schwindet. Man muss ja nicht jede Vorlesung als Video zur Verfügung stellen, aber ein Wechsel der Präsentationsform nach 20 Minuten oder das Bereitstellen der Inhalte in alternativer Form wären ganz nett.

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