Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann
Wenn ich bedenke... Heute vor einer Woche saß ich noch mit meinen Studenten zusammen und lehrte sie Usability. Ich hatte die Chance, 50 junge Leute anzustecken, falls ich denn infiziert gewesen wäre (oder umgekehrt sie mich). Wir haben uns bei den Übungen gemeinsam über die Bildschirme gebeugt. Innerhalb einer Woche wurde Deutschland systematisch lahmgelegt!
Und jetzt? Mir gefällt die pessimistische Rhetorik nicht. Man spricht davon, dass am Ende 70 % der Bevölkerung den Virus sowieso gehabt haben wird. Die ganzen Maßnahmen sollen nur dazu dienen, den Eintritt dieses unweigerlichen Endes hinauszuzögern, bis ein Impfstoff gefunden wurde, und damit die Gesundheitssysteme nicht überlastet werden. Von Todesraten von 1 bis 5 % wird gesprochen. Die Dunkelziffer macht die Schätzung schwierig, weil die leichten Fälle oft nicht erkannt werden.
Sicher, Virologen sind von Beruf eher pessimistisch. Ist klar. Wenn sie warnen, dann Maßnahmen ergriffen werden und am Ende wird es doch nicht so schlimm, können sie sich dafür auf die Schulter klopfen. Ihr Verdienst. Gibt der Virologe eine optimistische Prognose aus, es werden zu wenige Maßnahmen ergriffen und am Ende sterben viele Menschen, dann muss er sich schuldig fühlen. Der Virologe hat also einen vorhersehbaren Bias.
Ich bin keine Virologin, sondern eher von Beruf Optimistin. Sehen wir es doch mal so:
In der Anfangszeit hat ein Kranker zwei bis drei Gesunde angesteckt. Das ist auf jeden Fall zu hoch. Da kann man sich leicht ausrechnen, dass so sehr schnell ein Großteil der Bevölkerung infiziert wäre. Wenn es gelingt, diese Quote auf deutlich unter eine Person zu senken, dann bekommt man den Virus schnell in den Griff. Ausrotten kann man solches Gesocks leider nicht. Noro-Virus, Ebola, Typhus, die tauchen immer mal wieder irgendwo auf. Aber selten und lokal, und dann werden sie beherzt wieder eingedämmt. Das wird dann längerfristig auch die Zukunft von Corona sein.
Stellt sich nur die Frage, ob wir auf dem Weg dorthin monatelang im Ausnahmezustand leben werden und trotzdem zwei Drittel der Bevölkerung erkranken. Oder haben wir in vier Wochen den Spuk schon unter Kontrolle? Das werden wir dann am 20. April sehen, unserem nationalen Stichtag. Ich bin aber optimistisch. Schließlich ist es nur ein Virus, und die Maßnahmen wurden schon frühzeitig ergriffen.
Viel mehr Sorgen als der Virus selbst machen mir die Folgen der Gegenmaßnahmen. Bars und Läden geschlossen, Konferenzen und Hochzeiten abgesagt, Kunst und Kultur, Gottesdienste und medizinische Vorsorge, alles eingestellt. Und tschüss, Bruttosozialprodukt? Wir konsumieren jetzt natürlich anders (Lebensmittel aus dem Supermarkt statt Mensaessen, Online-Streaming statt Buch aus der Stadtbücherei), aber auch weniger. Einerseits bedeutet das eine wohltuende Entschleunigung und Besinnung auf das Lebenswichtige, auch der Umwelt wird die Enthaltsamkeit zugute kommen. Andererseits sind einige Branchen gerade so gut wie umsatzlos. Wegen der Maßnahmen, nicht weil ihr Personal erkrankt wäre. Das kann der Stupps zum lange vorhergesagten Kollaps unseres Kapitalismus-Systems sein. Darum plädiere ich dafür: Jeder bleibt auf seinem Posten und hält das System am Laufen, so gut es geht. Im Radio habe ich gehört von einem Buchladen, der nun Bücher nach Hause liefert. Gestern haben wir den Usability-Kurs online fortgeführt. Kreativität ist gefragt. Noch sind uns zwischenmenschliche Kontakte nicht komplett verboten! Halten wir die Räder am Laufen!
Andrea Herrmann