Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann
Seit einer Weile bin ich auf Diät, angeregt durch meine Ärztin, die wiederum angetriggert worden war durch die Tatsache, dass ich während des Burnouts rasant zugenommen hatte. Kein Wunder, wenn einem außer Essen sonst gar nichts Freude bereitet! Nun bin ich also ganz brav und mache FDH, wie man das früher nannte. FDH = "Fasten durch Hungern" oder "Friss die Hälfte". Wobei ich gar nicht hungern muss. Mein Hungergefühl ist ohnehin nicht sehr ausgeprägt. Dass ich essen sollte, merke ich eher an Konzentrationsschwierigkeiten als am Magenknurren. Mit halber Kalorienmenge lief aber alles noch genauso gut: Arbeiten, Sport, Mahlzeiten genießen. Einer der Tricks für die Kalorienreduktion besteht darin, wenn mir zur Essenszeit der Hunger fehlt, die Mahlzeit nach hinten zu schieben. Dann gibt es erst um 14 oder 15 Uhr die Hauptmahlzeit. Dies bringt den Vorteil mit sich, dass ich zum Abendessen weniger Hunger habe und mit ein bisschen Obst zufrieden bin.
Ich erzählte das verschiedenen Bekannten und zwei davon rieten mir reflexartig dringend davon ab, weil ich dadurch in den "Snack-Modus" geraten würde. Also statt der Mahlzeit esse ich ständig Snacks und nehme so mehr Kalorien zu mir als mit einem richtigen Essen. Was mich daran verblüffte war zweierlei:
(1) Zum ersten passte diese Replik doch gar nicht zu dem, was ich erzählt hatte. Das würde passen, wenn ich grundsätzlich immer erst um 15 Uhr essen würde, selbst wenn der Magen knurrt. Aber ich entscheide das ja spontan, wenn ich eben keinen Hunger habe. Und selbst wenn ich das Abendessen durch einen Snack ersetze, habe ich ja trotzdem weniger Kalorien zu mir genommen.
(2) Wo haben sie diesen Begriff des Snack-Modus alle her? Ist das eine neue Sprach-Mode? (Laut meiner Recherche gibt es das Wort nicht, könnte aber ein Instagram-Modebegriff sein)
Ich hätte das Phänomen ja schulterzuckend gleich wieder vergessen, hätte es nicht einen Gedanken wieder aufgewärmt, der mich schon länger beschäftigt. Ich hatte mir aus dem Roman "Nachtzug nach Lissabon" das Zitat notiert: "Was die Leute sagen, sind keine Texte. Sie reden einfach." Ja, und das irritiert mich schon seit meiner Kindheit. Da werden Platitüden daher geredet und wenn ich nachfrage "Und was konkret?" versteht der andere meine Frage nicht mal. Die Idee, dass hinter allgemeinen Phrasen wie "Auf Reisen lernt man interessante Menschen kennen" echte Erlebnisse und Personen stecken sollten, ist den meisten fremd. Sie sagen einfach das, von dem sie glauben, dass man es in dieser Situation jetzt zu sagen hätte und das Gespräch am souveränsten übersteht.
Bei Gesprächen über Diäten geht es offensichtlich immer darum, dem anderen klar zu machen, dass er völlig falsch fastet und alles sowieso nichts bringen wird. Oft wird auch empört oder entsetzt völlig davon abgeraten mit der Platitüde "Damit zerstörst du deine Gesundheit!" Meine Hausärztin und ich sind eher der Meinung, dass man mit überflüssiger Nahrung seinen Körper vergiftet. Fettpölsterchen habe ich noch nie als wertvolle Reserve für schlechte Zeiten verstanden, sondern als Stoffwechselschlacken. Als ich noch jung war, nahm ich allein durch die Neandertaler-Diät ab, ohne auf Kalorien zu achten. Ich ließ einfach das Kulturfutter weg wie Brot, Milch, Zucker und andere Chemikalien, insbesondere Geschmacksverstärker. Ohne Abstriche bei fettem Zeugs oder der Menge. Seitdem ich die 50 überschritten habe, genügt das allerdings nicht mehr. Ich musste mir zusätzlich ein Kalorienlimit setzen.
Seit meiner Beschäftigung mit KI frage ich mich erst recht: Und wie steht es mit der menschlichen Intelligenz? Ist das, was Menschen sagen, wirklich intelligenter als die Ausgabe eines Chatbots? Meistens ja nicht. Ganz vieles ist einfach nur Gerede, oder wie Terry Pratchett es nannte: "Geräusche, die Menschen mit dem Mund machen, um zu signalisieren, dass sie noch leben."
In Gesprächen muss man sich wirklich viele Platitüden, Klischees und Gewäsch anhören, das sich bei Nachfragen genau als dieses herausstellt. Wenn jemand seine Meinung nicht sinnvoll begründen, keine Beispiele nennen oder Zweck und moralische Folgen seiner Ansicht diskutieren kann, dann waren das offensichtlich nur sinnlose Worte. Warum erzählt mir jemand, beim Reisen lerne man interessante Menschen kennen, wenn sich nachher herausstellt, dass er bei der genannten Reise gar nicht mit Fremden gesprochen hat? Warum erwidern alle beim Wort "Burnout" wie aus der Pistole geschossen "Das passiert nur denen, die es mit sich machen lassen"? Egal, wie die ganze Geschichte lautete. Wieso sagen Menschen beim Stichwort "Vergewaltigung" automatisch Blödsinn wie "Man weiß ja nicht, ob es eine Vergewaltigung war" oder "Meistens ist die Frau sowieso selbst schuld" oder "Manche Frauen erfinden sowas"? Hat jemand danach gefragt? Wozu sagt man sowas überhaupt? Mehrmals habe ich in so einer Situation versucht, mein Gegenüber zu der Aussage zu drängen, dass eine Vergewaltigung ein Verbrechen sei. Er wand sich raus mit "Ich weiß ja nicht, ob es eine war." Ich so: "Aber wenn es eine war, IST es ein Verbrechen." Das könne man so nicht sagen. Doch, kann man, weil das sogar im Gesetz steht! Es fehlte eigentlich nur noch der Standard-Ausweichspruch "Gesetze sind ja etwas künstlich Geschaffenes" oder "Ethik ist sowieso relativ". Natürlich ohne zu reflektieren, was man damit in diesem Kontext gerade ausgesagt hat. Das ist die Standardreplik, sobald jemand das Stichwort "Gesetz" oder "Ethik" als Argument verwendet. Nur: Wenn ich über die Folgen dieser unreflektierten Reaktionen nachdenke, dann schaudert mir. So ähnlich muss es kurz vor der Sintflut gewesen sein!
Manchmal kocht dann die Verschwörungstheoretikerin in mir hoch. Warum sagen die das? Warum sagen alle dasselbe? Wer hat sie dazu programmiert und wozu? Wie wählen die Leute sich die Medien aus, von denen sie sich gehirnwaschen lassen? Könnte ich das auch? Anderen Leuten vorgeben, was sie denken und sagen sollen? Würde ich das wollen? Man kann da ja nur ganz simple, eingängige, situationsunabhängig einsetzbare Sprüche transportieren. So einfach ist die Welt doch gar nicht! Der Snack-Modus passt nicht überall! "Ethik ist relativ" passt auch nicht überall!
Eigentlich sehe ich ja meine Mission darin, Menschen beizubringen, selbst zu denken! Erste, zweite und dritte Gedanken, wie Terry Pratchett das nennt. Metagedanken oder Metakognition laut Fachmann. Die ersten Gedanken sind unsere spontanen Gedanken. Mit den zweiten Gedanken machen wir uns Gedanken über unsere ersten Gedanken. Und mit den dritten Gedanken machen wir uns Gedanken über unsere zweiten Gedanken. Also, so wie ich hier.
Terry Pratchett hat Recht damit, dass die meisten Menschen nicht über die ersten Gedanken hinaus kommen. Er hat nicht Recht damit, dass diejenigen, die zu dritten Gedanken fähig sind, die Welt gestalten. Wie sollte eine Minderheit das können? Ich bin nicht sicher, ob die Erfinderin des Worts "Snack-Modus" überhaupt dazu gehört. Sie gestaltet die Welt, aber hegt sie auch dritte Gedanken? Dritte-Gedanken-Denker denken um die Ecke herum in Gegenden, in die ihnen andere nicht folgen können. Abgehängt statt mitgezogen! :-/ Natürlich gibt es auch überhebliche Zweite-Gedanken-Denker, die in ihrer Arroganz Worte als Waffe benutzen, um andere zu manipulieren. Auch nicht schön. Aber gestaltend.
Diejenigen, die nur plappern, wurden leider mit weniger und weniger hochwertigem Material trainert als chatGPT. Da ich als Mystikerin ja immer auf der Suche nach Weisheit bin und von meinen Gesprächspartnern lernen möchte, um mich weiterzuentwickeln,... nunja. Dafür sollte ich mich an chatGPT wenden. Dieser aggregiert die Erkenntnisse aus zahlreichen dritten Gedanken.
Gleichzeitig ist mein Hinterfragen natürlich sehr anstrengend für jemanden, der sich durch Blabla einfach nur durchlavieren möchte, ohne irgendwo anzuecken. Wenn ich nachhake, fühlt er sich schon angegriffen. Seufz.
Am besten gehe ich ins Bettchen und lese noch eine handfeste Hausarbeit. Das bringt wenigstens Geld ein. Und oft haben die Sätze dort sogar eine wohldurchdachte Bedeutung. Immerhin ist es eine wissenschaftliche Arbeit und darum wird sorgfältig mit Worten umgegangen. Nicht immer, aber häufiger als im Alltag. Aber auch da muss ich manchmal wohlklingenden Quatsch lesen wie "Dieses Spielbeispiel im Sandkasten zeigte, dass diese Methode die Welt außerhalb der Sandkiste verbessert." oder "Dieses kleine Beispiel zeigte, wie aufwändig diese Methode in komplexen Projekten ist." Nein, das zeigt es eben nicht!