Overblog Alle Blogs Top-Blogs Technologie & Wissenschaft
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann

Werbung

Self-Handicapping

Schon wieder ein neues Wort gelernt: Self-Handicapping, auf Deutsch auch Selbstsabotage. Solche englischen Fachbegriffe beschreiben ja fast immer nichts Neues. Aber wenn wir für etwas kein Wort haben, können wir oft nicht mal dessen Existenz wahrnehmen oder darüber diskutieren. 

Beobachtet habe ich dieses Phänomen hauptsächlich bei anderen. Schon in der Schule. Da wird dann statt auf die Prüfung gelernt, lieber prokrastiniert. Und später kann man erklären "Ja, klar, die schlechte Note kommt daher, dass ich so wenig Zeit zum Lernen hatte. Wenn ich so viel gelernt hätte wie Du, wäre meine Note deutlich besser als Deine geworden." 

Ja, hätte, wäre... Ich habe mein Gegenüber dann gerne dazu aufgefordert, es mir mal zu beweisen. *grins*

Ich habe immer mein Bestes gegeben, Prüfungen sorgfältig vorbereitet, Hausaufgaben gemacht, Bücher gelesen. Und wenn dann am Ende doch keine 1,0 herauskam, mich als gute "Verliererin" erwiesen. Man muss mit seinen Begrenzungen leben. Abgesehen davon, dass oft auch noch zufällige Faktoren dazu kommen wie Tagesform, Erkältung oder der Lehrer fragte das falsche Thema, nämlich genau, das mir nicht lag. Kann passieren. Am Ende waren meine Noten ja doch ganz ordentlich. :-)

Wie ich neulich in einem anderen Artikel schrieb, wurde im Berufsleben der Druck aber enorm, nicht mehr mein Bestes zu geben. Schlechte Arbeit wurde nicht nur von Kollegen, sondern auch vom Chef eingefordert. Ich musste also Überlebensstrategien entwickeln, also Arbeitsergebnisse verschweigen oder einem Kollegen zuschreiben, absichtlich langsamer arbeiten oder absichtlich weniger gründlich arbeiten. Ab dem Moment, wo der Chef von mir doppelte bis dreifache Leistung forderte, ging es oft auch nicht mehr anders. 

Das ist einer der Gründe, warum ich mich als Selbständige wohler fühle: Hier bremst mich keiner. Die Kunden freuen sich über sehr gute Arbeit. Sie tragen auch alles dazu bei, dass ich gut arbeiten kann: Informationen, Antworten auf Fragen, Unterstützung, Hilfsmittel. Endlich mit Profis arbeiten! :-)

Ich merkte aber auch, dass sich in meine Selbstorganisation viele schlechte Gewohnheiten eingeschlichten hatten, die der Überlebensstrategie dienten, vor Chef und Kollegen meine hohe Produktivität zu verbergen. Wobei man als Frau da gar nicht viel verbergen muss, weil die Kompetenz und Effizienz einer Frau für einen Mann oft völlig unsichtbar ist. Er würde sie nicht mal sehen, wenn sie wie ein rosa Elefant durch den Raum stampfen würde. Ich musste mir oft anhören "Das kannst Du (in so kurzer Zeit) gar nicht selbst gemacht haben." Und dann wurde nach dem Trick gesucht. Seufz! 

Erst seitdem der Burnout ausgeheilt ist, habe ich auch wieder zur gewohnten Konzentration, Disziplin und Selbstorganisation zurückgefunden. Das Flowgefühl ist zurück.

Nicht gefallen hat mir in dem verlinkten Artikel die Überbetonung der Wahrnehmung über die Fakten, wie das leider in Mode ist. Grundsätzlich finde ich auch, dass man Scheitern nicht als Weltuntergang sehen sollte, sondern als Rückmeldung. Es gibt aber verschiedene Grade von Scheitern! Wenn ich in einer Prüfung statt 1,0 eine 1,3 schreibe, ist das ein ganz anderes Scheitern als wenn jemand ein Unternehmen in die Insolvenz fährt. Statt das Scheitern als normal hinzunehmen, kann man aber auch härter arbeiten! :-) Ganz wichtig finde ich: Es kann nicht jeder in allem besser als der Durchschnitt sein. Das kann nicht funktionieren. Und muss nicht. Jeder hat seine Spezialisierung. Wichtig ist eben, dass man bewusst priorisiert. Wo will ich brillieren und was mache ich nur "just good enough"? Oder auch gar nicht. Gar nicht ist oft besser als halb. 

So, dann schreibe ich noch konzentriert ein Kapitelchen für mein Buch und dann gibt es Mittagessen...

Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post