Overblog Alle Blogs Top-Blogs Technologie & Wissenschaft
Edit post Folge diesem Blog Administration + Create my blog
MENU

Blog für Herrmann & Ehrlich. In diesem Blog geht es um die Arbeitsprozesse im Software Engineering, insbesondere um Requirements Engineering, Kreativität, Projekt- und Zeitmanagement und diverse weitere relevante Themen. Autorin: Andrea Herrmann

Werbung

Formulare...

Gerade amüsiere ich mich damit, mein Leben in ein maximal zweiseitiges Formular zu quetschen. Formulare auszufüllen gehört zu den Kernkompetenzen eines Professors, weswegen immer mehr Universitäten dazu übergehen, die Erstellung der Kurzübersicht den Bewerber/innen zu überlassen, um die Sekretärin zu entlasten. Früher musste die nämlich aus jeder mehr oder weniger gut strukturierten Bewerbung die Hard Facts herausfiltern und in Listen eintragen. Vorteil ist, dass ich als Bewerberin genau weiß, in welcher Anlage ich nachschlagen muss für die jeweilige Information. Falls ich etwas vergesse einzutragen, bin ich schuld und nicht die Sekretärin. Auf manche Professorenstellen bewerben sich 80 Leute, ohne Scherz. Ich habe als Gleichstellungsbeauftragte auch schon diese Ordner gewälzt.

Es fühlt sich aber immer wieder seltsam an, meine gesamte Berufserfahrung in ein Formular zu quetschen, in dem garantiert Felder fehlen, um meine Persönlichkeit voll zu erfassen. Ich bin auch noch etwas traumatisiert von einem meiner ersten Jobs, wo die Personalabteilung mir so ein Formular zuschickte. Dort konnte man leider weder seinen Studienabschluss eintragen noch die Programmiersprachen, die man beherrscht. Anzukreuzen waren eher "SAP" oder recht exotische Programmiersprachen, die wir im Studium nicht hatten. Eventuell gab es die damals auch schon gar nicht mehr. Überhaupt konnte ich dort nur "Hobbies" eintragen wie Fremdsprachenkenntnisse, beherrschte Textverarbeitungsprogramme, Erfahrung mit der Erstellung von Vortragsfolien, Steno (ja, vorhanden) oder Maschineschreiben (nein, aber trotzdem mit 10 Fingern sehr schnell...). Ergebnis war, dass man mich ausgezeichnet als Fremdsprachen-Sekretärin einsetzen könne, weil ich kompetent genug dafür sei. Traumatische Erfahrung, die natürlich gar nichts damit zu tun hat, dass ich eine Frau bin. Original-Ton: "Wenn man in Frankreich studiert, dann aber doch um Fremdsprachen-Sekretärin zu werden. Oder wozu haben Sie das sonst gemacht?" Naja, das Austauschprogramm hieß TIME wie Top Industrial Managers for Europe und nicht wie Turn Ingenieurs into Management Essistants (sorry für die Schreibfehler ... Was nicht passt, wird passend gemacht.)

Auch bei diesem Formular kann ich nicht meine gesamte Genialität eintragen. Sehr schön fand ich aber, dass man mich darum bat, meine drei größten Erfolge auf einem separaten Blatt aufzuschreiben. Meine typische Reaktion: (a) Mist, ich hab ja gar nichts! (b) Ich schreib mal alles auf. Oh, das sind jetzt aber mehr als drei. (c) OK, ich muss kürzen...

Bei einer meiner letzten Bewerbungen wurde ich gebeten, ALLE meine Lehrveranstaltungen nachzuweisen. Für diese Bewerbungen musste ich sie nun mal zählen. Eigentlich sollte ich sie aufzählen. In einem zweiseitigen Formular. Meine Anlage "Lehrerfahrungen" hat 7 Seiten und da steht auch nicht jeder einstündige Kurs drin, sondern nur Vorlesungen und mehrtägige Veranstaltungen. Bin auf insgesamt 63 Vorlesungen in 20 Jahren gekommen. Klingt an sich nicht so viel, drei pro Jahr. Aber doch viel, wenn ich jetzt noch Belege für alle zusammenkramen muss. Ich sag mal: "Datenarchiv auf CD". Oder wars auf Diskette? Für manche habe ich nur noch den Lehrauftrag auf Papier, der in irgendeinem Karton im Keller lagert. Und das sind ja nur die Vorlesungen, die ein ganzes Semester gingen. Hinzu kommen ja noch ungezählte Kompaktkurse, halbtägige und einstündige Tutorien, Seminare, Praktika und dergleichen. Da ich als Selbständige während vorlesungsfreier Zeiten kein Honorar bekomme, gibt es bei mir nur noch wenige kursfreie Tage, nämlich zwischen Weihnachten und Neujahr. Ich hab auch schon mehrmals am 23.12. und am 2.1. oder 3.1. gelehrt. Ich liste auch nicht die weit über 100 betreuten Abschlussarbeiten auf, habe ab 50 Stück aufgehört, die Liste zu pflegen.

Tja, wenn man nicht verbeamtet ist, wird man nicht für die Kreativität bezahlt, sondern nur für Leistung, die sich verkaufen lässt. Was mich darauf bringt, dass ich noch ein paar Klausuren zu korrigieren hätte... Momentan bekomme ich mit schöner Regelmäßigkeit jede Woche von einer anderen Hochschule Klausuren zugeschickt. Das gefällt mir besser als wenn sie an drei Hochschulen gleichzeitig schreiben! Ich muss aber auch sofort korrigieren, sonst komme ich in Verzug und alles türmt sich auf...

Werbung
Zurück zu Home
Diesen Post teilen
Repost0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post